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16.11.2021

«Die finanzielle Situation bleibt sehr angespannt»

SBB-Chef Vincent Ducrot erklärt, warum die Bundesbahnen noch lange mit den Folgen der Pandemie zu kämpfen haben.
16. November 2021

Die SBB schreibt rote Zahlen, viele Kunden haben während der Pandemie ihr GA nicht erneuert. Wie schlimm steht es um die SBB?
Vincent Ducrot: Die Folgen der Corona-Pandemie sind nach wie vor erheblich. In den ersten sechs Monaten des Jahrs waren täglich 763 000 Reisende unterwegs, das sind 41 Prozent weniger als 2019. Im ersten Halbjahr haben wir einen Verlust von 389 Millionen Franken eingefahren. Die finanzielle Situation bleibt also sehr angespannt.

Wie werden Sie wieder aus diesem finanziellen Loch herausfinden?
Wir stehen mit dem Bund in engem Kontakt, um Lösungen für eine langfristige, robuste Finanzierung zu erarbeiten. Die SBB leistet selber mit einem wirksamen Kostenmanagement, mit ­einer Steigerung der Effizienz und Produktivität sowie mit Sparmassnahmen den grösstmöglichen Beitrag für eine gesunde finanzielle Situation der Bahn. Zudem bemerken wir eine Aufwärtstendenz bei den Passagierfrequenzen. Wissen Sie, in einem normalen Jahr macht die SBB rund 400 Millionen Franken Gewinn. Wir sind zuversichtlich, dass das Unternehmen seine während der Pandemie gestiegenen Schulden zurückbezahlen kann. Aber das wird ein langer Weg.

Müssen die Passagiere in diesem Fall mit teureren Tickets rechnen?
Die Preise werden von der Branche ­gemacht. Auch wenn wir jetzt weniger Einnahmen haben, halte ich es für eine schlechte Idee, die Preise mitten in der Krise zu erhöhen. So holen wir die Kundinnen und Kunden nicht zurück. Dieses Jahr gibt es keine Preis­erhöhungen, nächstes und übernächstes Jahr auch nicht.

Nehmen die Leute nun wieder ­vermehrt den Zug?
Ja, aktuell sind wir bei rund 75 Prozent der Fahrgäste von vor Corona, und beim Wochenendverkehr sieht es noch besser aus. Wo wir die Pandemie noch stark spüren, ist im Pendlerverkehr, es gilt ja auch noch die Homeoffice-Empfehlung. Da wird die Erholungsphase noch länger dauern als im touristischen Verkehr.

Vincent Ducrot
"Dieses Jahr gibt es keine Preiserhöhungen, nächstes und übernächstes Jahr auch nicht."
Vincent Ducrot, CEO der SBB AG

Sind mit dem Rückgang im Pendlerverkehr auch Änderungen beim GA geplant?
Das Generalabonnement ist ein Angebot des gesamten öffent­li­chen Verkehrs mit rund 250 Unternehmungen, und es wird so bleiben. Und jedes dieser Unter­nehmen hat seine eige­ne Kostenstruktur. All diese Transportunternehmen bringen ihre Bedürfnisse in der verantwortlichen Alliance Swiss­pass ein. Als Antwort auf die Pandemie prüft die Branchen­organisation derzeit ­ergänzend zum GA verschiedene neue Abo­modelle, die etwa auch die neue Situation mit mehr ­Homeoffice aufnehmen. Ein Beispiel ist das ÖV-Guthaben, bei dem ­Kundinnen und Kunden 2000 Franken bezahlen und für 3000 Franken den ÖV benutzen können. Ich bin gespannt auf die Resultate des Pilotversuchs.

Die Züge füllen sich wieder, auf eini­gen Strecken zwischen den Zentren scheint es wieder wie vor der Pandemie zu sein. Was wurde während der letzten Monate unter­nommen, um den Pendlerverkehr besser handhaben zu können?
Wissen Sie, die SBB führt jeden Tag 9000 Züge. Es freut uns, dass unsere Kundinnen und Kunden wieder zurückkommen. Unsere Pünktlichkeit ist nach wie vor hoch, im letzten Monat kamen 92,6 Prozent der Züge mit ­weniger als 180 Sekunden Verspätung an. Unsere Züge sind auch während der Pandemie vollständig gefahren, und der Bahnbetrieb lief ohne Unterbruch weiter. Das heisst auch, dass Strecken unterhalten und gebaut und unser Rollmaterial wie gewohnt instandgehalten wird.

Und wie sieht es bei der Infrastruktur aus? Was muss unter­nommen werden, ­damit der Pendler­verkehr reibungslos funktioniert?
Die Sicherheit steht bei der SBB zuoberst. Selbstverständlich muss deshalb unser über 3000 Kilometer messendes Netz permanent ­unterhalten werden. Dafür wenden wir jährlich rund 700 Mil­lionen Franken auf. Und auch der politische Auftrag ist klar: Der Ausbauschritt STEP 2035 verlangt Aus­bauten für den künftigen Bahnverkehr, und da sind wir dran. Häufig müssen diese Ausbauten unter laufendem Betrieb ­passieren, das ist ähnlich wie bei den Autobahnen und mit enormen Herausforderungen verbunden. Un­an­nehm­lich­keiten sind für die Nutzerinnen und Nutzer nicht immer zu verhindern, durch gute Planung versuchen wir, ­Einschränkungen so gering wie möglich zu halten.

In welche Projekte der nahen Zukunft setzen Sie grosse Hoffnung?
Wir haben beispielsweise Projekte im Güterverkehr mit automatischen Kupplungen, oder wir vereinfachen Online-Ticketkäufe für Reisen ins benachbarte Europa. Die SBB steigert aber auch ihre ökologische Nachhaltigkeit, indem sie ab 2025 ausschliesslich erneuer­baren Strom nutzen wird und weitere ökologische Themen wie die Kreislaufwirtschaft noch stärker in ihre Prozesse einbettet. Wichtig ist mir auch,
in Richtung eines flexibleren Angebots zu gehen und dann Züge anzubieten, wenn wir viele Kundinnen haben.

In welchen Projekten der Digitali­sierung sehen Sie grosse Chancen für die SBB?
Die Digitalisierung ist ein permanentes Thema, sofern sie uns hilft, das Kern­geschäft weiterzuentwickeln, die Nachhaltigkeit zu stärken und die ­Gesamtsystemkosten zu senken. Ein Beispiel ist das Traffic Management System (TMS), mit dem wir in Zukunft den Betrieb von der Fahrplanerstellung bis zur operativen Zuglenkung aus einem System heraus steuern. ­Damit können wir die Knoten besser nutzen, Züge in kürzeren Abständen fahren lassen und im Endeffekt auf kostspielige Infrastrukturausbauten verzichten. Bei allen Digitalisierungsvorhaben gilt: Sie müssen unseren Kundinnen und Kunden einen direkten Mehrwert bringen. Und sie müssen sich für die Bahn als sicheres, pünkt­liches und nachhaltiges Verkehrs­mittel bezahlt machen.

SBB
700 Millionen Franken gibt die SBB jährlich für den Unterhalt des Netzes aus (im Bild der Ceneri-Basistunnel)

Wann fährt der erste Zug ohne Lokführer zwischen Genf und Zürich?
Das wird es nicht geben. Denn im ­Gegensatz zu geschlossenen Metrosystemen, wo die Züge – wie bei einer ­Polonaise – hintereinander herfahren, haben wir auf dem Schweizer Schienennetz den Mischverkehr und ineinander verzahnte Linienführungen, insbe­sondere in den Bahnhöfen. Es wird immer jemanden an der Spitze des Zugs ­haben, der selbstverständlich von Assistenzsystemen unterstützt wird.

Wie sehen Sie die Mobilität in der Schweiz in zehn Jahren?
Mobilität spielt eine Schlüsselrolle bei der Erreichung der Klimaziele in der Schweiz. Aus diesem Grund wird die ökologische Komponente in der Mobilität immer wichtiger. Die SBB hat sich zum Ziel gesetzt, ab 2030 klimaneutral zu sein. Ausserdem will der Bund den Modalsplit im Personen- und Güterverkehr bis 2050 verdoppeln. Damit ist die Bahn ein Teil der Lösung. Zudem erarbeiten wir gerade unsere Strategie für die nächsten Jahre. Dabei wollen wir das Kerngeschäft weiter stärken und flexibler werden, etwa beim Fahrplan. Da stehen wir aber erst am Anfang.

Welche Chancen sehen Sie in der kombinierten Mobilität?
Die kombinierte Mobilität ist die Lebensrealität vieler Bahnreisenden. Sie nehmen von zu Hause das Velo, das Auto oder den Bus an den Bahnhof. Dort bietet ihnen die SBB seit langer Zeit Parkplätze und schlanke Umsteigemöglichkeiten. Sind sie dann am Zielort angekommen, reist man weiter mit dem Mobility-Auto, mit Bus und Tram oder mit dem Velo oder Elektrotrotti. Die SBB bietet mit den Bahnhöfen perfekte Drehscheiben. Uns ist zudem wichtig, die verschiedenen Mobilitätsangebote für den Vertrieb in einem System zu bündeln und buchbar zu machen. Dadurch werden sie für die Kundinnen und Kunden einfach nutzbar. Die SBB ist bei der kombinierten Mobilität ganz vorne mit dabei.

Interview: Dino Nodari
Fotos: ©SBB CFF FFS

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