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22.05.2020

„50 Prozent Umsatz sind weg“

Die Coronakrise trifft die Freizeitbranche hart. Die dort Beschäftigten sind mehr denn je auf die Solidarität von Schweizerinnen und Schweizern angewiesen.
22. Mai 2020

Wir brauchen Euch!

Die Coronakrise trifft viele Branchen sehr, aber den Freizeitbereich beutelt sie geradezu. Der „Touring“ wollte wissen, wie es aussieht und fragte bei Einzelpersonen und Unternehmen nach. Fazit: Die Verluste sind teilweise horrend und es fehlt vielfach an Planungssicherheit. Doch wenn Schweizerinnen und Schweizer sich solidarisch zeigen und zum Beispiel vermehrt Ferien auf Campings hierzulande machen (sobald dies wieder erlaubt ist), öfter wieder eine Zirkusvorstellung besuchen oder Reisebüros ins Brot setzen, könnte dieses Schreckensjahr vielleicht noch ein einigermassen gutes Ende nehmen.

Lars Grau, selbstständiger Bergführer, Grindelwald

Den Verlust, der durch ausgefallene Skitouren entstanden ist, kann ich bis Ende Jahr nicht mehr aufholen, selbst wenn es eine super Sommersaison werden sollte. Muss das Loch mit Erspartem stopfen. Im Gegensatz zu Bergführern, die nur von gebuchten Touren leben, kommen meine Familie und ich aber zurecht. Meine Frau arbeitet Teilzeit und ich habe von der AHV-Ausgleichskasse eine Erwerbsersatzentschädigung bekommen. Doch Ferien oder grössere Anschaffungen liegen erst mal nicht drin. Was mich und andere Bergführer verunsichert, ist, dass wir nicht wissen, in welche Richtung sich der Sommer entwickeln wird. Ich hoffe sehr, dass die Schweizer Gäste uns Bergführern und den Bergschulen treu bleiben, sich einen Ruck geben und jetzt schon buchen. Sollte sich die Situation wieder ändern, sind wir Bergführer kulant. Ich verstehe, dass viele aufgrund der unsicheren Zukunft überlegen, wo sie sparen können, doch eine Tour mit einem Bergführer ist immer ein lohnendes Erlebnis, von dem man lange zehren kann.

Lars Grau
Bergführer Lars Grau hofft auf eine starke Saison, muss aber 2020 mit Verlusten leben.
 

Nicolas Delafosse, Campingleiter, TCS Camping Orbe, 3 Beschäftige

ie 24 TCS Campings haben 2018 und 2019 mit über 650 000 Übernachtungen einen Rekord erreicht. Auch 2020 begann mit einem Plus von 25 Prozent im Vergleich zum Vorjahr vielversprechend. Doch dann kam die Pandemie. Fazit: Bis Ende April waren die Übernachtungen verglichen mit 2019 um 78 Prozent eingebrochen. Seit 20. März sind alle TCS-Campings geschlossen, nur Saisongäste sind seit 4. Mai wieder erlaubt. Die meisten Mitarbeitenden sind in Kurzarbeit, neue Kräfte können wir nicht einstellen, da noch unklar ist, ob wir am 8. Juni wieder öffnen dürfen. Dabei haben wir alle geforderten Schutzkonzepte überall gut umgesetzt. Da dies verglichen mit anderen Beherbergungsbetrieben, die den Betrieb bereits wieder aufnehmen durften, eine Ungleichbehandlung darstellt, hat sich der TCS an den Bundesrat gewandt.
Ich habe die Zeit genutzt, um den Camping Orbe, der idyllisch im Grünen und nahe des gleichnamigen Städtchens liegt, noch attraktiver zu machen. Neu bieten wir jetzt drei Pods an, die unseren Gästen viel Komfort bieten. Trotz allem bleibe ich zuversichtlich, dass die Buchungen für Juli und August sehr gut sein werden. Ein Aufenthalt auf einem Campingplatz stellt für viele Schweizerinnen und Schweizer doch eine schöne Möglichkeit dar, Ferien im eigenen Land zu verbringen.

Nicolas Delafosse
Nicolas Delafosse vom TCS Camping Orbe ist zuversichtlich, dass er bald viele Gäste haben wird.
 

René Marfurt, Geschäftsführer, Braunwald Standseilbahn AG, 23 Beschäftigte

Wir hatten Glück im Unglück, da die Krisenmonate März und April bei uns eher zu den schwächeren gehören. Dennoch war es ein herber Schlag. Insgesamt kommen wir auf einen Verlust von rund 100 000 Franken: Unsere Ticketverkäufe gingen stark zurück und auch die ÖV-Anteile waren wesentlich geringer als normalerweise. Während wir den März gerade noch so überbrücken konnten, mussten wir ab April 20 unserer Mitarbeitenden in Kurzarbeit schicken. Zu Entlassungen wird es glücklicherweise nicht kommen, das wir als ÖV-Betrieb die Verkehrsanbindung des Dorfes Braunwald gewährleisten müssen. Unsere Bahn war selbst während des Lockdowns täglich gemäss Fahrplan in Betrieb, auch wenn wir rund 50 Prozent weniger Fahrgäste hatten. Nun hoffen wir, dass spätestens ab 8. Juni wieder so viele Leute wie möglich zu uns kommen. Ich denke, dass wir einiges wieder wett machen können, da Auslandsreisen dieses Jahr wohl flachfallen und die meisten Leute ihre Ferien hier verbringen.

Braunwald
Das Team der Braunwald Standseilbahn. Die meisten der 23 Beschäftigen sind derzeit in Kurzarbeit.
 

Andreas Bergmann, Direktor, Compagnie Générale de Navigation sur le Lac Léman, 220 Beschäftigte

Unser Geschäft stützt sich auf drei Segmente: drei ÖV-Linien, den touristischen Betrieb und die Vermietung von Schiffen. April und Mai tragen je nach Wetter zu einem Viertel oder gar bis zu einem Drittel des Jahresumsatzes bei. Dieses wichtige Geschäft ist weggebrochen. Einholen können wir das nicht mehr, aber Entlassungen wollen wir tunlichst vermeiden. Selbst während der schlimmsten Phase der Pandemie, in der fast alle zu Hause blieben, waren unsere Mitarbeiter unterwegs. Um die Versorgung des Gesundheitssystems in der Romandie aufrechtzuerhalten, blieben unsere öffentlichen Linien zwischen Nyon und Yvoire sowie zwischen Lausanne und Evian in Betrieb. Auf diese Weise konnten Pflegefachkräfte und Ärzte schnell zu ihrem Arbeitsort gelangen. Damit wir einigermassen auf Kurs bleiben können, muss sehr bald folgendes geschehen: Der Bundesrat muss die Wiederaufnahme touristischer Aktivitäten zum 8. Juni erlauben. Unser Verband hat längst ein Schutzkonzept, das Social Distancing an Bord erlaubt, erarbeitet. Deklarierte Kurzarbeiter müssen endlich anerkannt werden und Leistungen erhalten. Und wir erwarten vom Bund für das Risiko, das wir mit der Aufrechterhaltung der öffentlichen Linien trugen, eine angemessene Entscheidung. Schliesslich liegt es an uns, den Transportunternehmen, durch innovative Angebote die Anfrage wieder anzukurbeln.

CGN
Ein Bild aus guten Tagen: Die Simplon aus der Flotte der Compagnie Générale de Navigation sur le Lac Léman.
 

Nathalie Dové, Inhaberin, Nussbaumer Reisen AG, Burgdorf, 9 Beschäftigte

Im Moment halten eine Mitarbeiterin und ich die Stellung im Reisebüro. Nachdem wir die ersten zwei Märzwochen zu neunt Tag und Nacht mit Kundenrückholaktionen beschäftigt waren, sind mittlerweile alle in Kurzarbeit. Nun machen täglich zweit Telefondienst und müssen rückabwickeln, was wir das letzte halbe Jahr erwirtschaftet haben. Seit Trump am 12. März angekündigt hat, die Grenzen zu schliessen, ging nichts mehr. Seitdem verdienen auch wir nichts mehr. Da wir in den ersten fünf Monaten 50 bis 60 Prozent des Umsatzes machen– pro Jahr sind das etwa acht Millionen - - sind uns vier Millionen Franken weggebrochen. Das ist nicht mehr einzuholen. Noch halten wir durch, aber wenn die Krise bis in den Sommer dauert, werden wir mit monatlichen Fixkosten von 20 000 Franken auf den bereits erhaltenen Covid-19-Kredit angewiesen sein. Bei Margen von zehn Prozent und einem Prozent Nettorendite können Reisebüros ohne Einnahmen nur ein paar Monate überbrücken. Aber die Aussicht, einen Kredit über Jahre zurückzahlen zu müssen, belastet auch. Derzeit ist die Lage in Sachen Reisen noch unklar, aber es würde der Branche sehr helfen und Arbeitsplätze sichern, wenn Schweizerinnen und Schweizer wieder mehr über lokale Reisebüros buchen würden.

Nathalie Dové
Notbesetzung: Nathalie Dové, Eigentürmerin von Nussbaumer Reisen AG allein in ihrem Reisebüro in Burgdorf.
 

Roland Stahel, stellvertretender Direktor, Zirkus Stey, 30 Beschäftigte

Wir standen auf dem Premienplatz und planten gerade die Generalprobe als es zum Lockdown kam. Die Monate von März bis Juni sind für uns am wichtigsten. In dieser Zeit erzielen wir 40 bis 50 Prozent des Jahresumsatzes. Die Einbussen lassen sich jetzt noch nicht beziffern, da wir erst die Saison abwarten müssen. Sicher ist aber, dass wir 2020 mit einem schlechteren Ergebnis als sonst abschliessen werden. Das zwingt uns, von der Substanz zu leben. Verzweifelt sind wir deswegen nicht. Wir haben die Kosten unseres Familienzirkusses so weit wie möglich herabgefahren und unsere Mitarbeiter erhalten Kurzarbeitsentschädigung. Ausserdem erfahren wir schöne Unterstützung von aussen. So erlaubt uns die Gemeinde Volketswil seit 7. März, den Platz Griespark kostenlos zu nutzen, Bauern spenden Heu für unsere Ziegen und Ponys und über Crowdfunding (www.Lokalhelden.ch) erhielten wir Spenden in Höhe von über 22500 Franken.
Es wäre wichtig, dass uns die Behörden möglichst rasch sagen, wann und mit welchen Auflagen wir wieder starten dürfen. Und natürlich wünschen wir uns, dass die Leute bald wieder vermehrt unsere Vorstellungen besuchen.


Stey Circus
Die Mitarbeitenden des Zirkus Stey wünschen sich möglichst bald wieder zahlreiche Besucher.
 

Marcel Krähenmann, Direktor, Boutique-Hotel La Rocca, Ronco und Parkhotel Emmaus, Losone, 29 Beschäftigte

Ich versuche, das Beste aus der Lage zu machen, halte die Kosten im Griff und blicke nach vorn. Alles andere bringt nichts. Ab Juli sind die Buchungen gut. Bis dahin aber sieht es mager aus. Unser Pachtbetrieb, das Parkhotel Emmaus ist bereits offen – derzeit halten sich dort drei Gäste auf. Obwohl wir alle Vorschriften einhalten, scheint der Virus die Leute noch einzuschüchtern. Die Krise kam für uns zu einer sehr ungünstigen Zeit. Der April ist wegen Ostern ein ganz wichtiger Monat für die Tourismusbranche im Tessin. Er beendet die lange Durststrecke nach dem Winter. Mit Auffahrt und Pfingsten ist der Mai ebenfalls gut. Die zwei Monate tragen zu einem Drittel unseres Gesamtumsatzes bei. Schlimmstenfalls erzielen wir mit dem La Rocca einen Verlust bis zu 200 000 Franken. Beim Emmaus könnten sich die Einbussen aufgrund der Pacht, die wir bezahlen müssen, sogar bis auf 300 000 Franken belaufen, was im letzten Fall einen Konkurs nicht ausschliessen würde. Was ich gerne hätte? Dass sich die Leute den Appell von Ueli Maurer zu Herzen nehmen und Ferien in der Schweiz machen. Im Tessin legen wir sehr viel Wert auf Sicherheit und die Spitäler sind auf hohem Niveau. Somit können die Gäste hier unbesorgt die Ferien geniessen.

Marcel Krähenmann
Guter Dinge trotz allem: der Tessiner Hotelier Marcel Krähenmann und seine Angestellten.

Text: Juliane Lutz
Fotos: zvg

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