23.11.2018

Wenn schon pendeln, dann richtig

Die tägliche Fahrt zur Arbeit kann nervtötend sein oder eine kostbare Zeit, wenn man diese zu nutzen weiss. Ein paar Ideen, die Sie voranbringen.

23. November 2018

Sicher, man kann sich jeden Tag aufs Neue über die Massen aufregen, die in die Züge drängen, die ständigen Verkehrsstaus und die Tatsache an sich, dass man überhaupt pendeln muss. Aber das führt mit Sicherheit zu schlechter Laune und Stress, bevor man überhaupt einen Fuss ins Büro gesetzt hat. Beides wirkt sich eher negativ auf die Leistung aus. 

Die Zeit lässt sich besser nutzen. Zum Beispiel mit Übungen in Achtsamkeit. Zwar wurde dieser Begriff in den letzten Jahren ziemlich überstrapaziert, doch unzählige Studien deuten an, dass Achtsamkeit dabei hilft, Stress besser zu bewältigen und die Konzentrationsfähigkeit steigert. In den USA hat sich das «mindful commuting», das achtsame Pendeln, schon breit durchgesetzt. Längst gibt es entsprechende Meditations-Apps oder Streaming-Angebote, die diesen wachsenden Markt bedienen.

Sich vom Kopfkino lösen

Man kann sich aber auch gut selbst darin versuchen. «Achtsamkeit heisst, präsent dafür zu sein, was gerade in uns und um uns passiert und sich nicht in Geschichten und inneren Filmen zu verlieren», sagt Béatrice Heller vom Zentrum für Achtsamkeit in Zürich. Dann werde klar, dass die Realität und das Denken darüber zwei verschiedene Dinge sind.

Das Bewusstsein für den eigenen Körper und den Atem helfen dabei, sich vom Kopfkino zu lösen und wieder in der Gegenwart anzukommen. Achtsam zu hören, sei ebenfalls hilfreich. Die Expertin empfiehlt beispielsweise im Zug einmal nur auf die verschiedenen Geräusche, Töne und Klänge und deren Lautstärken und Rhythmen zu achten. «Nur empfangen wie eine Antenne, ohne sie zu bewerten. Das weitet den Geist», so Heller.

Bewertungen dagegen, vor allem wenn sie kritisch oder negativ sind, führten zu unangenehmen Gefühlen und letztendlich zu innerem Aufgewühltsein. Schweifen die Gedanken wieder ab und wandern hin zu Dingen, Problemen oder Personen, heisst es, sich langsam wieder den Zuggeräuschen zuzuwenden. "Wer sich darin übt, die Aufmerksamkeit bewusst zu lenken, wird auf Dauer ruhiger und weniger sprunghaft. Auch nimmt auf diese Weise die ständig stattfindende innere Erregung ab», beschreibt Béatrice Heller die langfristigen positiven Folgen. 

Die Rolle wechseln

Während Achtsamkeitstraining als eine Art Prophylaxe gegen das morgendliche und abendliche Genervtsein dienen kann, lässt sich diese als verloren geglaubte Zeit auch auf einfache Weise nutzen, um im Job besser abzuschneiden. Mutter und Chefin, Partner und Mitarbeiter – alle spielen verschiedene Rollen im Leben. Und meist tritt man im Privatleben anders auf als im Joballtag, wo überwiegend Fähigkeiten wie Ehrgeiz, Leistungswille, Sachlichkeit und Selbstbehauptung gefragt sind. 

Psychologen fanden heraus, dass sich leicht unter Druck fühlt, wer nicht zwischen diesen Rollen wechseln kann. Daher sei es empfehlenswert, die Hinfahrt zur Arbeit zu nutzen, um sich langsam umzustellen: Das heimische Umfeld gedanklich hinter sich zu lassen und sich auf den Tag im Beruf einzustellen, indem man ihn plant. Eine Untersuchung der New Yorker Columbia Business School ergab, dass Pendler, die dies taten, weniger gestresst bei der Arbeit ankamen als jene, die planlos ihren Gedanken nachhingen. 

Dass sich auch die Heimfahrt karrieretechnisch nutzen lässt, zeigt eine weitere Studie aus den USA. Francesca Gino, Professorin für Betriebswirtschaft an der Harvard Business School, arbeitete mit Studienabsolventen, die über einen Zeitraums von 16 Tagen in ihre neuen Jobs im IT-Bereich eingeführt wurden. Die Gruppe, die täglich nach der Arbeit noch eine Viertelstunde ihren Tag und Lernfortschritte Revue passieren liess, schnitt in ihrer Leistung um 22 Prozent besser ab als jene Probanden, die nach Feierabend nicht mehr über die neue Tätigkeit nachdachten.

Carpe diem

Wenn man bedenkt, dass Pendler in der Schweiz durchschnittlich 30 Minuten pro Arbeitsweg unterwegs sind, summiert sich dies auf aufs Jahr gesehen auf rund 230 Stunden. Es wäre doch schade, diese viele und wertvolle Zeit nur mit Vor-sich-hin-dösen, Sudoku lösen oder Katzenbilder auf Instagram schauen zu vertun. Warum nicht die Minuten und Stunden nutzen, um endlich die heiss ersehnte Weltreise, den schon lange angedachten Wanderblog oder den nötigen Umbau des Hauses detailliert zu planen: Dinge, zu denen man zuhause aus irgendwelchen Gründen nie zu kommen scheint. 

Auch wer Auto fährt, kann sich gezielt Gedanken machen und Geistesblitze aufs Smartphone sprechen. Und wer vorankommen will, nutzt zumindest an ein paar Werktagen die Minuten und Stunden von zuhause an die Arbeit und zurück für die Aneignung von Wissen, zum Beispiel durch das Hören anspruchsvoller Podcasts und das Lesen von Fachbüchern oder lernt eine Sprache. Letzteres erarbeitet man sich am besten durch regelmässiges Training und dazu eignen sich die täglichen Fahrzeiten geradezu ideal. Gleichzeitig lassen sich auf diese Weise lästige Sitznachbarn und sonstige Störquellen ausblenden. Die Einstellung entscheidet also, ob die Pendelei ein lästiges Übel oder eine gute Sache ist.

Text: Juliane Lutz

BESSER PENDELN: DREI VORSCHLÄGE

Achtsamkeitstraining kann den täglichen Pendelstress reduzieren. Wer entspannt im Job oder zuhause ankommt, arbeitet besser und ist ein angenehmerer Zeitgenosse. 

Der Weg zur Arbeit lässt sich auf einfache Weise für die Karriere nutzen, indem man sich in die Rolle, die man im Beruf spielt, schon mal einfühlt und auf dem Rückweg nochmals den Tag Revue passieren lässt. Letzteres wirkt sich positiv auf die Performance aus. 

Pendelzeit ist auch geschenkte Zeit, die zu schade für Banalitäten ist: Besser: Die Minuten und Stunden für private Projekte nutzen, sich Wissen oder Sprachen aneignen.

Share Funktionen:
durckenE-MailFacebookGoogle +Twitter

Mehr Artikel der Touring-Redaktion

Das könnte Sie auch interessieren

Angebote des TCS

Newsletter
Social Media
Neue Produkte & Jubiläen
 
Bitte haben Sie einen Moment Geduld
Wir optimieren gerade unsere Website, und es kann zu längeren Ladezeiten kommen.