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Ein nettes Gespann – unterwegs mit dem Miniwohnwagen

Der «Touring» war mit einem «Dübener Ei» in der Ostschweiz unterwegs.

Touring - Text Juliane Lutz | Fotos Emanuel Freudiger

Der Campingtrend greift weiter um sich. Wer einmal einen Wohn-wagen ausprobieren möchte, kann bei Gerold Huber in Wittenbach kleine Retrocaravans samt Zugfahrzeug ausleihen. Der «Touring» war mit einem «Dübener Ei» in der Ostschweiz unterwegs.

Vermutlich wurde der1989 hergestellte «Würdig 301» noch von einem Trabi gezogen. Den in der DDR beliebten Wohnwagen gab es nur in Weiss. Erst Gerold Huber hat ihm den fröhlichen gelben Farbton verpasst. Der ausgebildete Lehrer und Journalist vermietet in Wittenbach bei St. Gallen unter dem Namen Rosita – The Rolling Vintage Hotel – historische Miniwohnwagen mit entsprechend kleinen Zugfahrzeugen. Die meisten Caravans aus seiner Flotte stammen aus der ehemaligen DDR, ein paar aus Italien. Das Faible des 64-Jährigen für Wohnwagen stammt aus der Zeit, als er Artistenkinder unterrichtete. Für drei Jahre tourte er sogar mit dem eigenen kleinen Zirkus durch die Schweiz.

Ein nettes Gespann

Für unsere Fahrt durch St. Gallen und das Appenzell wird ein Fiat 500 Cabrio namens «Paula» vor den gelben «Gustav» gespannt. Gerold Huber gibt allen Wohnwagen und Zugfahrzeugen einen Namen. «Da Frauen letztendlich doch immer den Karren aus dem Dreck ziehen, haben die Autos weibliche und die Caravans männliche Vornamen», sagt er mit einem Augenzwinkern.

«Touring»-Fotograf Emanuel setzt sich hinters Steuer. Die erste Station ist das fast 500 Jahre alte Schloss Dottenwil auf einem Hügel bei Wittenbach. Tapfer zieht der Fiat das doch 350 Kilo schwere Wohnwägelchen nach oben. Der ideale Platz für ein Picknick mit Sicht auf Bodensee und Alpstein. Über uns kreist ein Milan in der Hoffnung, dass etwas übrig bleibt. Umgeben von Feldern und Bauernhöfen liegt die Kapelle Maria zum Siege in Ruggisberg. Eine Frau liess sie Ende des siebzehnten Jahrhunderts zum Dank dafür errichten, dass der von ihr Geliebte heil aus der Schlacht gegen die Türken zurückkehrte.

DDR-Ei vorm Schloss

Noch eine Wanderung über die Sitter, und schon ist es Zeit, den Ort anzusteuern, wo wir übernachten werden: Schloss Wartegg in Rorschacherberg. Während die meisten Kunden von Gerold Huber die Nacht im Caravan auf einem Camping verbringen, dürfen wir das Gespann im Schlosspark abstellen. Der Hotelmanager war ein Schüler von Gerold Huber und hat ihn wohl in guter Erinnerung. 

Die Gäste auf der Terrasse staunen nicht schlecht, als sie das gelbe «Dübener Ei», wie der «Würdig 301» auch genannt wurde, sehen. Was für ein Kontrast: Wo 1919 das entmachtete und ins Exil geschickte letzte Kaiserpaar von Österreich-Ungarn flanierte –Karl und Zita verbrachten zwei Monate auf Schloss Wartegg – erglüht nun das Ei aus dem untergegangenen sozialistischen Staat im Abendrot. Von den ursprünglich 2000 bis 2200 Exemplaren sind nicht mehr viele übrig. Die letzten verliessen 1990 den VEB Campingwohnwagen im sächsischen Bad Düben.

Nach einem schönen Abend auf der Hotelterrasse mit Logenblick auf den Bodenseeziehen wir uns zurück. Emanuel schlägt den Schlafsack im Gras des Parks auf. Ich habe den Wohnwagen für mich. Die Holz-Papp-Konstruktion ist innen sehr einfach gehalten. Ein paar Schränkchen und ein Gasherd. DDR-Standard halt. Das Bett ist bequem und recht gross, denn es war für zwei Personen gedacht. «Kuschelkugel» lautete ein weiterer Spitzname für den Winzling. Angeblich konstruierte Max Würdig 1936 den Caravan, weil er mit seiner Freundin ohne Trauschein nirgendwo übernachten durfte. Mit der aerodynamischen Form sollte er das Wohnwagendesign für fast ein halbes Jahrhundert prägen.

Der Fiat schnauft

Am nächsten Morgen rollen wir langsam nach Heiden. Auf den kleinen steilen Strassen, die wir öfter wegen der Aussicht nehmen, kommt der Fiat fast an seine Grenzen. Und wenn rangiert werden muss, gerät selbst der erfahrene Autofahrer Emanuel schon mal ins Schwitzen. Wir merken bald, dass etwas Erfahrung mit einem Anhänger für eine Reise mit einem alten Wohnwagen ohne Hightech von Vorteil ist.

Von den sanften Hügeln und den Bauernhöfen, die wie ins Grün getupft scheinen, aber auch von den schönen Orten kriegen wir nicht genug. Heiden beeindruckt mit zum Teil stattlichen Gebäuden, Trogen mit dem Landsgemeindeplatz und Teufen mit hübschen Schindelhäusern, die ans württembergische Allgäu erinnern. Aber auch «Gustav» beeindruckt viele, die ihn sehen. Und oft ringt er den Leuten ein Lächeln ab.

Einfach sein und die Landschaft geniessen, das kann man im Appenzell besonders gut. In Niederteufen ist die Sicht auf Wasser und Berge erneut derart beeindruckend, dass wir die Campinghocker aus dem Kofferraum holen. Doch bald ist Zeit, das Gespann nach Wittenbach zurückzusteuern. Nach Appenzell Innerrhoden schaffen wir es nicht mehr. Beim Ausladen streiche ich noch einmal mit der Hand über die Seite des Caravans. Der gelbe «Gustav» hat sich schnell ins Herz geschlichen.

Fotos: Emanuel Freudiger

Gut zu wissen

Rosita:

  • Retrowohnwagen-Verleih mit Zugfahrzeugen(Smart, elektrisch/Diesel; Fiat 500, Benziner) - rosita.ch
Preisbeispiele:
  • eine Nachtwerktags 222 Franken, eine Wochenendnacht (Fr–Sa, Sa–So, So–Mo) 333 Franken, Bettwäsche kann für 33 Franken gemietet werden. Miete Wohnwagen allein, halber Preis, rosita.ch

Einkehren:

Die Reportage kam mit freundlicher Unterstützung von Rosita.ch und Schloss Wartegg, Rorschacherberg zustande.

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