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02.07.2020

Niemand liefert schneller

70 Frauen und Männer pedalen für den Velokurier Bern, der seit 1988 seine Dienste anbietet.
02. Juli 2020

Die schnellen Kuriere liefern mit Muskelkraft bis zu 100 Kilogramm schwere Lasten aus. Ein Einblick in den Kurieralltag.

Im Berner Lorrainequartier hängen über der Eingangstüre in einem Hinterhof zwei rote Pferdchen aus Metall – sie symbolisieren wie bei Ferrari Kraft und Geschwindigkeit. Es ist der Eingang zur Zentrale des Velokuriers Bern, deren Mitarbeiter von der Madonna mit Zahnkranz als Heiligenschein beschützt werden. Frühmorgens riecht es hier nach Kaffee, Gummi und Veloöl. Denn nebst der Küche, der Disposition und den Büros ist hier auch die Werkstatt für kleine Reparaturen an den Arbeitsinstrumenten der Velokuriere. Gerade kontrolliert Kurierin Johanna Pärli die Bremsen und macht sich für die nächste Tour startklar. Sie ist eine der 70 Mitarbeitenden, die für die 1988 gegründete Genossenschaft arbeitet. Sie packt und schnallt den rot-schwarz-weissen Rucksack an, schwingt sich auf ihr Bianchi-Schönwettervelo und pedalt davon. Die meisten Kuriere haben übrigens ein zweites Rad fürs schlechte Wetter. So kommen ganze 140 Fahrräder zusammen. Dabei satteln viele auf Carbonvelos um, der Slogan «Steel is real» kommt zusehends aus der Mode.

Velokurier
Vor der Schicht kontrolliert Johanna Pärli in der Velokurier-Werkstatt ihr Schönwettervelo.

Vom Modelltyp her bevorzugen Kuriere entweder Renn- oder Radquervelos. Auch Lastenvelos kommen öfters zum Einsatz, erklärt Florian Waber, einer der vier Geschäftsführer. Allerdings ohne Elektroanrieb. Es sei das Credo von Velokurier Bern, ausschliesslich ökologisch und mit Muskelkraft unterwegs zu sein. Die flachen Hierarchien, das Mitspracherecht und der Einheitslohn seien ebenfalls Bestandteil davon. Und was die Kurierinnen und Kuriere hier leisten, ist beachtlich. Sie führen pro Tag rund 300 Aufträge aus und legen so in der Stadt Bern und Umgebung gegen 1000 Kilometer zurück. Laut Waber überbringen die Kuriere von Laborproben über Akten bis zu Mittagsmenus alles zu den Kunden. Oft auch Gepäck, das dann mit dem Lastenvelo und Anhänger schon über 100 Kilogramm schwer werden könne, sagt der 37-jährige Velokurier. Die Kuriere sind auch erfinderisch, haben sie doch einen neuen Frontgepäckträger entwickelt.

Velokurier
Schnell, agil und konzentriert bewegt sich Kurierin Pärli im hektischen Stadtverkehr.

Kuriere mögen Pasta

Der Arbeitstag beim Velokurier beginnt in mehreren Schichten um sieben Uhr morgens und endet um neun Uhr abends. Über Mittag oder abends liefern die Kuriere in Zusammenarbeit mit 19 Berner Restaurants oft Menus aus. Diese Dienstleistung namens «Schneller Teller» laufe sehr gut, so Waber. Apropos Mittag, die Kuriere bekommen ein Mittagsmenu gekocht. Am beliebtesten ist laut Waber Pasta, da diese am längsten hinhält. Jeder und jede mache hier alles, von der Disposition bis zum Backoffice. Mit dem Geschäftsgang ist Waber zufrieden, es laufe gut. Allerdings habe in den letzten Jahren die Anzahl der Mitbewerber zugenommen, und auch die Transportdrohnen könnten längerfristig die Konkurrenzsituation verschärfen. Zur Veloinfrastruktur in Bern meint er, die habe schon noch Ausbaupotenzial.

Schnell, diskret und zuverlässig

Wichtigste Voraussetzung, um Velokurier zu werden, sei natürlich die Liebe zum Radfahren, wobei man nicht ein Topsportler sein müsse, betont Waber. Man müsse sich gewandt im Verkehr bewegen und dabei noch den Funkverkehr abhören können. Auch sei es von Vorteil, wenn man sein Rad selber instand halten und unterwegs einen platten Reifen reparieren könne. Zuverlässigkeit und Diskretion seien auch wichtig, denn beispielsweise Laborproben müssten pünktlich abgeliefert werden. Und klar, man müsse bereit sein, bei jedem Wetter loszufahren. Neulinge ziehen zuerst begleitet los und fahren dann nach einer dreimonatigen Einarbeitungszeit selbstständig. Es sei wichtig, dass man die Hauptrouten und später auch die Schleichwege gut kenne, denn Velokuriere haben kein Navi, sie orientieren sich an Karten oder mit dem Handy. «Velokurier kann jeder werden, wir haben vom Handwerker über den Künstler bis zum IT-Spezialisten viele Berufsgattungen bei uns», sagt Waber, der seit 2008 hier arbeitet. Ist er unterwegs, mag er die langen Strecken nach Münsingen oder etwa Kirchlindach. Seine speziellste Fracht war einmal ein toter Kanarienvogel, den er in die Tierkadaverstelle bringen musste. Der Kundin sei es sehr wichtig gewesen, dass er das tote Tier persönlich abgebe. Gerade während der Wintermonate sei der Job schon riskant, und es komme manchmal zum schmerzhaften Bodenkontakt. Doch am gefährlichsten seien parkierende Autofahrer, die, ohne zu schauen, die Türe öffnen. Mit der Zeit lerne man, die Gefahren zu antizipieren. Und schliesslich wacht ja die Velokurierschutzheilige über die Kuriere.

Velokurier
Manchmal benötigen die Kuriere die Hilfe der Schutzheiligen.

«Velokurier kann jeder werden, wir haben vom Handwerker über den Künstler bis zum IT-Spezialisten viele Berufsgattungen bei uns», sagt Waber, der seit 2008 hier arbeitet. Ist er unterwegs, mag er die langen Strecken nach Münsingen oder etwa Kirchlindach. Seine speziellste Fracht war einmal ein toter Kanarienvogel, den er in die Tierkadaverstelle bringen musste. Der Kundin sei es sehr wichtig gewesen, dass er das tote Tier persönlich abgebe. Gerade während der Wintermonate sei der Job schon riskant, und es komme manchmal zum schmerzhaften Bodenkontakt. Doch am gefährlichsten seien parkierende Autofahrer, die, ohne zu schauen, die Türe öffnen. Mit der Zeit lerne man, die Gefahren zu antizipieren. Und schliesslich wacht ja die Velokurierschutzheilige über die Kuriere.

Text : Felix Maurhofer
Fotos : Fabian Hugo

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