04.03.2019

Ein Elektrozwerg fährt sich in die Herzen

Ein Vater und zwei Söhne aus Zürich wollen mit dem Microlino den Kabinenroller wiederbeleben. Vielleicht beginnt da gerade eine schweizerische Erfolgsgeschichte.

04. März 2019

Der Microlino wartet in einer Garage in Küsnacht auf seinen Auftritt. Wer bei seinem Anblick nicht spontan «Jöh» sagt, hat kein Herz. Das Leichtelektromobil sieht so niedlich aus, dass man es knuddeln möchte. Die Ähnlichkeit mit der BMW Isetta ist kein Zufall. «Wir wurden durch eine TV-Doku inspiriert, in der ein Mann eine Isetta elektrifiziert hatte», sagt Merlin Ouboter. Er, Bruder Oliver und Vater Wim, der Erfinder der Micro-Scooter und -Kickboards, sind die Macher hinter der Zürcher Marke. Sozusagen elektrisiert von dem, was sie gesehen hatten, kontaktierten sie den Tüftler, fuhren die E-Isetta Probe und fingen, beflügelt durch Studien, Feuer für das Thema. «Im Schnitt sitzen 1,3 Personen in einem Auto, das pro Tag etwa 35 Kilometer gefahren wird. Dennoch stellen die meisten Hersteller Fünfsitzer her, konstruieren völlig am Bedarf vorbei», sagt der 23-Jährige. So entstand die Idee, einen E-Kabinenroller für städtische Mobilitätsbedürfnisse zu entwerfen.

Der Microlino-Marketingchef öffnet die Vorderklappe, steigt ein, ich setze mich neben ihn auf die Bank. Ein Platzwunder ist der Kleine nicht. Wer beleibt ist, für den wird’s eng. Drinnen dominiert Schlichtheit. Immerhin gibt’s ein Schiebedach und einen Becherhalter beim Beifahrersitz. Die Bedienelemente sind in die Vordertür eingelassen: Zweistufige Klimaanlage, Gebläse, Vorwärts- und Rückwärtsgang, Licht, Windschutzscheibenheizung und Eco-Fahrmodus.

Von der Skizze zum Prototyp

2015 engagierte die Familie den Autodesigner Marco Brunori, der frühere Kabinenroller von Isetta bis Heinkel Trojan unter die Lupe nahm. Sein Auftrag: Ihre Quintessenz herausfiltern und in einem neuen E-Kabinenroller zum Ausdruck bringen. Unbeleckt vom Automobilbau, wandten sich die drei Ouboters in Sachen Technik an Studenten der ZHAW in Winterthur, was zu drei Bachelorarbeiten führte. «Unsere Unerfahrenheit war ein Vorteil. So haben wir uns Dinge getraut, die andere nicht wagen», sagt Merlin Ouboter. Normalerweise liegen bei der Autoentwicklung mehrere Schritte zwischen Entwürfen und Prototypen. Vater und Söhne aber liessen von den Zeichnungen in China gleich Prototypen bauen. Ihr Traum: Den Microlino am Genfer Salon ausstellen, um zu sehen, ob er Anklang findet.

Über Beziehungen ergatterten sie 2016 sechs Quadratmeter Standfläche. Und ihr Winzling kam an. «Wir hatten aus Jux eine Reservationsliste für 500 Exemplare ausgelegt und gesagt, wenn die voll wird, dann machen wir Ernst», erinnert sich Ouboter. Als nach vier Tagen 500 Namen auf der Liste standen, dämmerte ihnen, dass sie eine Marktlücke entdeckt hatten: ein E-Zweitfahrzeug für die urbane Bevölkerung.

Er gibt Gas. Wir fahren mit 50 km/h am Zürichsee entlang, 90 km/h könnte der Zwerg schaffen. Dass er wendig ist, habe ich erwartet, nicht aber eine so gute Strassenlage. Überraschenderweise sitzt man recht erhöht in diesem Mittelding zwischen Töff und Auto. Wie knackig die Bremsen sind, erlebe ich als eine Ampel auf Rot springt.

Dummes Malheur wird grosser Erfolg

Nach Genf begann die Herstellersuche, doch die grossen Namen nahmen die Greenhorns nicht ernst. Schliesslich kam es 2017 zu einem Joint Venture mit dem Zulieferer Tazzari in Imola, der selbst kleine E-Fahrzeuge herstellte. Vorserientypen wurden entwickelt, während die Ouboters an Ausstellungen fleissig weiter Vorbestellungen einsammelten. 12 500 sind es derzeit.

Im Sommer 2018 bestand der Microlino alle Tests für die Strassenzulassung und im Dezember gingen die Rechte von Tazzari an den deutschen E-Sportwagenhersteller Artega über, der Microlino in Delbrück produziert. Lief doch alles ziemlich glatt, denkt man. Doch Ouboter erzählt auch von Rückschlägen, die sie immer wieder zweifeln liessen. Da waren die Verständigungsprobleme in China und als der erste Prototyp nach vielen Schwierigkeiten endlich in Zürich gelandet war, fiel er im Flughafen vom Gabelstapler. «Er war ziemlich eingedrückt, aber weil die Nürnberger Spielwarenmesse zwei Tage später war, blieb uns nichts anderes übrig, als ihn so zu zeigen.» Daneben stellten sie ein Schild, auf dem «Shit happens» stand und eine Erklärung des Missgeschicks. «Letztendlich war dieses Malheur ein Erfolg, weil es uns viel Sympathie eingebracht hat», sagt Ouboter.

Fans bestimmen die Microlino-Farben

Interessenten können in einem Showroom in Zürich den schnuckligen Neo-Kabinenroller kennenlernen und Probe fahren, bevor sie ihn online bestellen. Ab April lässt er sich über die neue Webseite konfigurieren. Die Farben konnten Fans über Facebook bestimmen: acht sind es, von Gothic Black über Paris Mint bis zu Vienna White. Der Basispreis liegt bei etwa 13 000 Franken. Für Wartungen und Reparaturen besteht eine Partnerschaft mit Bosch Car Services. 

Wie sehr der Microlino seinem Namen Ehre macht, wird deutlich, als Ouboter ihn in Erlenbach neben einem Porsche Cayenne parkt, der wie ein Gigant wirkt. Doch in überfüllten Städten, in denen Parkplätze Mangelware sind, trumpfen Winzlinge auf. Mit nur 2,40 Metern Länge kann der Microlino auch quer parkieren und Mut zur Lücke beweisen. Auf dem Rückweg grinst eine Frau in ihrem Audi Q8, als wir vorbeifahren, ein Mann an einer Ampel sieht uns lange nach und Schülerinnen kichern. Kalt lässt der Kleine kaum jemanden. Besser noch: Er lässt viele lächeln. In Küsnacht bugsiert Ouboter ihn sachte wieder in die Firmengarage. Ab April werden die ersten Exemplare in der Schweiz ausgeliefert, im Sommer folgt Deutschland. Es gab schon einige Versuche, Kabinenrollern neues Leben einzuhauchen, aber bei den Ouboters hat man das Gefühl, dass es gelingen könnte.

Text: Juliane Lutz
Fotos: Daniel Kellenberger

Der Microlino in Kürze

Länge: 2,40 m, Breite: 1,50 m, Leergewicht: 435 kg (ohne Batterie), Kofferraum: 300 l, Leistung: 15 kW, 0 auf 50 km/h: 5 s, Kategorie: L7e

Basispreis: Circa 13 000 Fr. (8-kWh-Batterie; Reichweite 125 km). Die 14,4-kWh-Batterie (Reichweite 200 km) kostet zwischen 2000 und 2500 Fr. Aufpreis

Drei Ausstattungspakete: Townie, Urbanite, Metropolitan, eine limitierte Sonderedition 

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