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22.03.2023

Frauenpower in der Mobilität - Teil 3

Männer prägen nach wie vor stark diesen Bereich. Dennoch haben sich ­inzwischen einige Frauen einen Namen ­gemacht. Kenan Zhang im Porträt.
22. März 2023

Kenan Zhang forscht in der Schweiz über die Zukunft der Mobilität. In der werden digitale Fahrt- und Transportdienste bald eine dominante Rolle spielen.

Die Luft ist in den urbanen Zentren viel besser geworden und Staus eine Seltenheit. Der Grund: Städterinnen und Städter besitzen in der Regel kein eigenes Auto mehr. Wozu noch viel Geld für einen Gebrauchsgegenstand ausgeben, der pro Tag im Schnitt rund 23 Stunden ungenutzt herumsteht, wenn es doch jede Menge günstige Ride-Hailing-Services gibt. Wer zur Arbeit muss oder Freunde treffen will, bestellt einen Uber oder wie die Dienste alle heissen, die minutenschnell vor der Haustür stehen, lässt sich direkt ans Ziel oder zum Bahnhof fahren. Nimmt von dort den Zug und am Ankunftsort wieder einen der Fahrdienste für die letzten Kilometer oder vielleicht ein Leih-E-Trotti. Alle buchen Fahrten bequem und rasch über eine multimodale Platt­form, die bei der Suche nach der schnellsten oder günstigsten Verbindung von der U-Bahn bis zum Bikesharing-Dienst sämtliche öffentlichen und privaten Anbieter vereint. Gut möglich, dass bei der Wahl des Verkehrsmittels sogar noch das Wetter miteinbezogen wird.

Eine der wenigen ihrer Art

Spätestens in zehn Jahren wird dies die Realität sein, nimmt Kenan Zhang an. Die Pekingerin forscht im Moment noch auf einer Postdoc-Stelle an der ETH Zürich darüber, wie künstliche Intelligenz die Mobilität vor allem im Transport­bereich verändern wird, bevor sie kommenden September eine Professur an der ETH Lausanne antritt. Sie ist eine der wenigen Wissenschaft­lerinnen weltweit in diesem Bereich. Schon als sie in Verkehrstechnik an der Northwestern Uni­versity in Illinois promovierte, war sie als Frau im Doktorandenprogramm ziemlich in der Minderheit. «Ich fühlte mich immer zuvorkommend behandelt. An den US-Universitäten wird das Thema Diversity sehr ernst genommen, ­vielleicht schon gar zu sehr. Meine männlichen ­Studienkollegen meinten, dass ich es heute als Frau leichter haben würde als sie, einen Job in der akademischen Lehre zu bekommen», sagt sie.

Transportsysteme statt Stadtplanung

Wintersurf
Spätestens in zehn Jahren hat in den Städten niemand mehr ein Auto. Alle nutzen stattdessen digitale Fahrdienste.

Eigentlich wollte die heute Dreissigjährige nach einem ingenieurwissenschaftlichen Studium und einem Master in Baumanagement von der Carnegie Mellon University in Pittsburgh Stadtplanerin werden. Der TED-Talk eines MIT-Professors (Massachusetts Institute of Techno­logy) über smarte Metropolen begeisterte sie. Sie wollte mitarbeiten an Städten, die sich einem ­Organismus gleich auf der Basis von Daten ihrer Bewohner in Sachen Lebensqualität und Effizienz ständig weiterentwickeln. Schliesslich wandte sie sich aufgrund ihrer Vorbildung doch dem Thema Verkehrstechnik zu und spezialisierte sich auf die noch relativ neuen digitalen Fahr- und Transportdienste. «Durch sie stellen sich für die For­schung höchst interessante Fragen. Ausserdem könnten sie die Lösung für Pro­bleme wie Verkehrsüber­lastung und Staus in den Städten sein», erklärt Zhang ihre Motivation. Urgestein Uber werde sich halten, auch wenn viele neue Anbieter ver­suchen werden, den Markt zu erobern. Auf die Frage, was mit den Arbeits­kräften der bisher starken Autoindustrie werde, wenn kaum jemand mehr ein eigenes Auto kauft, bleibt sie vage. «Es werden neue Jobs entstehen», sagt sie wie so viele, die von der Automatisierung der Mobilität vollkommen überzeugt sind.

Robotaxis würden allerdings noch nicht so rasch Fahrgäste transportieren, wie immer wieder prognostiziert werde. «Die Technik wird in einem Jahrzehnt zwar ausgereift sein, doch es wird ­länger dauern, bis autonome Fahrzeuge in der Gesellschaft akzeptiert sind. Ausserdem werden die verschiedenen Regelungen in den einzelnen Ländern den baldigen Siegeszug der autonomen Fahrzeuge verzögern», so Zhang. Fahrzeuge aber werden schon bald miteinander kommunizieren können und antizipieren, was kommen wird. Ob der Wagen vor ihnen nach links oder rechts abbiegen wird, noch bevor der Fahrer den Blinker betätigt, oder ob sie eine Rettungsgasse bilden müssen, weil in Kürze eine Ambulanz an ihnen vorbeirasen wird.

Mobilität aus einer Hand

Vernetzung ist ihr zufolge ein weiteres Schlüsselwort. Es bedeutet, dass Verkehrsmittel in den Städten landesweit, in mehreren Ländern oder irgendwann in ganz Europa in einer einzigen Plattform miteinander verknüpft sind. Eine Fahrt von Tür zu Tür in Grossstädten wie Berlin, Barce­lona oder Rom ist dann ganz einfach zu planen und durchzuführen. «Heute sind die einzelnen Elemente im Bereich Verkehr und Mobilität noch relativ unabhängig voneinander. Ich denke, dass Strassen, Verkehrsanlagen wie Ampeln, Mautstellen, Züge, U-Bahnen, Busse, Trams und auch private Fahrdienste in einigen Jahren aus einer Hand gemanagt werden», führt Kenan Zhang das Thema weiter aus. Ob der dafür nötige «integrator» privat sein solle oder öffentlich, darüber werde in Fachkreisen gerade viel diskutiert.

Schweiz koordiniert schon gut

Wintersurf
Die Option «EasyRide» in der SBB-App hält Forscherin Kenan Zhang für ein gutes ­Beispiel in Sachen vernetzte Mobilität.

Der Schweiz stellt Kenan Zhang punkto Verknüpfung öffentlicher Verkehrsmittel bereits ein gutes Zeugnis aus und nennt als Beispiel die Option «EasyRide» in der App «SBB Mobile». Passagiere wischen einfach nach rechts und können auf dem Weg zum Ziel alle möglichen Züge, Busse, Trams und sogar Schiffe nutzen. Nach dem Auschecken errechnet die App je nach gefahrenen Strecken den besten Ticketpreis. «Die USA hingegen hinken in diesem Bereich noch stark hinterher, auch weil der öffentliche Verkehr dort vielerorts eine untergeordnete Rolle spielt», sagt die Forscherin. Zumindest gebe es ein paar Pilotversuche im Bereich Mobility as a Service. So betreibt etwa die Stadt Columbus in Ohio eine der ersten Apps in den USA, über die Nutzer Fahrten mit öffent­lichen und privaten Diensten buchen und bezahlen können. In Asien wiederum seien private Fahrdienste längst an der Tagesordnung und die Angebote entsprechend vielfältig.
Doch das sind nur Szenarien für urbane ­Zentren. Auf dem Land hingegen wird ihrer Meinung nach das eigene Auto bis auf Weiteres das Verkehrsmittel der Wahl bleiben. Kenan Zhang selbst, die gern reist, ist ein grosser Velofan. Schon in China fuhr sie täglich mit dem Rad zur Schule und zur Universität. In Zürich lebt sie ihre Vision von Mobilität. Sie nutzt das Tram, Bike­sharing-Angebote oder saust mit einem Leih-E-Trotti durch die Stadt.

Text: Juliane Lutz
Fotos: TCS

Kenan Zhang
Kenan Zhang wurde 1992 in Peking geboren. Sie ging mit einem Bachelor in Ingenieur­wesen in die USA. Dort machte sie den Master in Baumanagement (Carnegie Mellon Uni­ver­sity) und promovierte im Bereich Verkehrstechnik (North­western University). Im September 2023 tritt sie ihre Professur im Bereich Transportwesen an der ETH Lausanne an. In ihrer Freizeit reist und kocht die Dreissig­jährige gern.

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