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04.09.2020

Ein ganz besonderer Wald

Schöne Natur, viel Kultur und sehenswerte Architektur – all das und viel mehr bietet der Bregenzerwald. Auch dass sie von der Schweiz aus schnell zu erreichen ist, spricht für die Ferienregion in Vorarlberg.
04. September 2020

 Er ist alt, langsam und ächzt manchmal. Doch er erfüllt noch immer mehr als nur seine Aufgabe. Der Andelsbucher Zweier-Sessellift aus dem Jahr 1971 bringt nicht nur Ausflügler und Paraglider auf die Niedere, er senkt auch deren Stresslevel. Wer gemächlich über Wiesen, Tannen und Hütten schwebt, entspannt ganz automatisch.

Traumblick von der Niedere

 Auf dem Bergrücken zwischen Bezau und Andelsbuch ist immer einiges los. Touristen wie Einheimische nehmen gern den Panaromarundweg mit Blick auf Bodensee, Schweizer Berge und das deutsche Allgäu. „So wie sich andere im Café verabreden, treffen wir uns hier oben zum Wandern“, sagt eine aus der Region stammende Frau. Obwohl sie in Wien lebe, schaffe sie es mindestens zehn Mal pro Jahr auf die Niedere. Andere wiederum heben ab. Beim Berggasthof Niedere nehmen gefühlt jede Sekunde Paraglider Anlauf, denn die Thermik ist hier im Sommer besonders gut.

Neben dem Startplatz zieht eine schlichte, moderne Kapelle aus Holz ebenfalls die Aufmerksamkeit auf sich. Von einem Schicksalsschlag getroffen, schwor die Gastwirtsfamilie, eine Kapelle erbauen zu lassen, sollten sich die Dinge wieder zum Guten wenden. Schliesslich wurde ein Architekturwettbewerb ausgeschrieben, den das Bregenzer Büro Cukrowicz Nachbaur gewann.

Das österreichische Bundesland Vorarlberg ist nicht nur bekannt für wunderbare Natur, sondern auch für seine Holzarchitektur. Typisch für den Bregenzerwald sind Schindelhäuser. Sie reichen von den prächtigen altehrwürdigen Gasthäusern Hirschen und Adler im Bilderbuchdorf Schwarzenberg hin zu modernen Sozialbauten in Krumbach. Während anderswo noch Alpenkitsch und Massivholz dominieren, wurde in Vorarlberg und gerade auch im Bregenzerwald die Holzbauweise weiterentwickelt und modern interpretiert. Man könnte sie mit minimalistich-elegant und funktional beschreiben. Manche erkennen sogar eine Gemeinsamkeit mit japanischer Holzarchitektur.

Innovative Dörfer

 Wer sich dafür interessiert, macht am besten einen „Umgang“ durch eine von zwölf Gemeinden mit architektonischen Besonderheiten mit. Das Wort ist mit Bedacht gewählt, denn bei einer solchen Führung erfährt man viel darüber, wie die Bregenzerwälder denken und mit den Dingen umgehen. In Krumbach etwa erzählt Klaus Riedl, der lange Gemeindesekretär war, wie man in den 1990er Jahren das Dorf quasi neu erfinden musste. Der letzte Lebensmittelladen stand vor der Schliessung, das Dorf drohte an den Aussenrändern zu zerfasern, Mietwohnungen gab es nicht und viele Junge planten, abzuwandern, nach Dornbirn oder Bregenz. „Wir wollten ein Leitbild erstellen und haben dazu alle Bewohner eingeladen, uns zu sagen, was sie sich im Dorf wünschen“, sagt der gebürtige Bayer. Mit Hilfe namhafter Architekten – davon gibt es im Bregenzerwald einige – wurde der Dorfplatz im Zentrum erneuert, ein Gebäude mit Mehrzweckraum entstand, schöne Mietshäuser und Sozialbauten wurden errichtet. Sogar der Wald beim Dorf, der völlig überaltert war, wurde aufgeforstet. Der eigens dafür angelegter Weg wird heute von dem Krumbachern rege genutzt. Da die Busanbindung in die Städte wichtig ist, entstand irgendwann der Vorschlag, den Bau von sieben Wartehäuschen in einem internationalen Architektenwettbewerb auszuschreiben. Was nur gedacht war, um das Dorf für die Bewohner noch attraktiver zu machen, ist heute eine touristische Attraktion und mehrfach ausgezeichnet.

Hier zählt das Handwerk

Im Werkraumhaus in Andelsbuch kann man aktuelle Handwerkswerkskunst bestaunen.

 Wer sich mit Einheimischen unterhält, erfährt, dass Partizipation wichtig ist. „Bei uns werden die Dinge nicht von oben aufgedrückt, sondern man holt möglichst alle ins Boot“ sagt einer. Vielleicht hat das Selbstbewusstsein auch damit zu tun, dass der Bregenzerwald von 1360 bis 1807 eine Bauernrepublik war, deren Bewohner für damalige Verhältnisse sehr selbstbestimmt leben konnten.

Auf den Einklang zwischen Einheimischen und Touristen wird ebenfalls grossen Wert gelegt. Man verbiegt sich nicht wie in anderen Ferienregionen für den Gast, was den Bregenzerwald gerade baulich vor Fehlern bewahrt hat. Und man muss es auch nicht, denn Handel und besonders das Handwerk sind starke wirtschaftliche Pfeiler. Bereits in der Barockzeit waren Maler, Stuckateure oder Holzkünstler aus dem Bregenzerwald begehrt. Ganze Mannschaften heuerten beispielsweise beim Bau von Schlössern oder Kirchen in Oberschwaben an. Einen Einblick in das heutige Können der Handwerker, die enormes Ansehen geniessen, bietet das von Peter Zumthor erbaute beeindruckende Werkraumhaus in Andelsbuch. In der aktuellen Sonderausstellung (bis 26.9.) sind Sitzmöbel zu sehen, die in Kooperation zwischen Kölner Designern und lokalen Tischlern entstanden. Das Material der Wahl ist die hier wachsende Weisstanne, die viel beim Hausbau zum Einsatz kommt. Seit Zumthor 1997 das Kunsthaus in Bregenz erbaute, arbeitet viel mit Bregenzerwälder Handwerkern zusammen.

Immer am Wasser entlang

 In der 550 km2 grossen Region gibt es Wandermöglichkeiten zuhauf - vom kurzen Tobelweg in Sibratsgfäll bis zur ausgedehnten hochalpinen Route ab Schröcken. Doch an einem heissen Tag ist der Wasserwanderweg in Hittisau eine gute Option. In der an Alpen reichen Gemeinde zeigt sich der Bregenzerwald von der lieblichen Seite: Sanfte Hügel, sattgrüne, von Wald durchzogene Wiesen und Häuser wie dorthin getupft. Der Weg führt über Brücken in eine Schlucht und an einer alten Säge vorbei, während unten die Bolgenach fliesst. Es riecht fast schon betörend nach frisch gemähtem Gras. Spätestens wenn man dann bei einem guten Essen – die Kulinarik der Region wäre eine eigene Geschichte wert – zum Beispiel im Garten des Restaurant Ernele sitzt, hat man sich in den „Wald“ verliebt.

Gut zu wissen

Wohnen

  • Hotel Krone, Hittisau. Entschleunigung lautet das Motto im hübschen, zentral gelegenen Hotel, das sogar einen Hausphilosophen beschäftigt. Statt Fernseher in den Zimmern setzen die Besitzer auf Bücher. Kulinarik und Weinkeller auf höchstem Niveau. krone-hittisau.at

Essen/Trinken

  • Ernele im Romantikhotel Schiff, sehr gute lokale und saisonale Küche in der schicken Ladenwirtschaft mit Gastgarten, Gemüse und Kräuter aus eigenem Anbau. schiff-hittisau.com
  • Gasthaus Adler, Schwarzenberg: Eine Institution mit Gastgarten unter schattigen Bäumen, wunderschöne Stuben. adler-schwarzenberg.at

Aktivitäten

  • Angelika Kauffmann Museum, Schwarzenberg: Die 1741 in Chur geborene Malerin und Tochter eines Schwarzenbergers war eine der grössten Künstlerinnen ihrer Zeit. Ein Muss bei einem Besuch im Bregenzerwald. angelika-kauffmann.com
  • Frauenmuseum Hittisau: Sehr besuchenswerte Ausstellungen (derzeit „Geburtskultur; bis April 2021) mit stets weiblichem Blickwinkel. frauenmuseum.at
  • Geführte Dorfrundgänge (von Mai bis Oktober; jeweils dienstags und freitags). bregenzerwald.at
  • Werkraumhaus in Andelsbuch: Ausstellungen zeitgenössischer Handwerkskunst, Events. werkraum.at

Text: Juliane Lutz
Bilder: Popp Hackner/Vorarlberg Tourismus, Juliane Lutz

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