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Ein Besuch in der Wohnmobilschmiede Hymer

Eineinhalb Tage braucht es für den Bau eines Campervans

Autorin: Juliane Lutz, Redakteurin Touring

Die Marke Hymer vor Augen. Ein Besuch in der schwäbischen Traditionsfirma, die Pionier Erwin Hymer zum europäischen Marktführer ausbaute.

Im ländlichen Oberschwaben zwischen Bodensee und Ulm gelegen, fällt zuerst der markante Bau des Erwin-Hymer-Museums von der B30 aus auf. Gegenüber und durch die Bundesstrasse getrennt, liegen die Gebäude der Hymer GmbH & Co. KG: Eine kleine Welt für sich bei Bad Waldsee, in der rund um die Uhr in drei Schichten gearbeitet wird. 

Eineinhalb Tage für einen Campervan

Eineinhalb Tage für einen Campervan
Hymer B-Klasse MasterLine I 880

Wilhelm Wäscher war 37 Jahre lang für die Wohnmobilschmiede tätig. Heute führt er Besucher durch den Betrieb. Und es sind viele, die das Werk sehen wollen und danach im Hymer-Restaurant essen, bevor sie noch die Preziosen im Museum bestaunen. In der Montagehalle, deren Fläche etwa der von drei Fussballfeldern entspricht, kann man von einem Balkon aus einen Blick darauf werfen, wie etwa eine luxuriöse und knapp 105 000 Euro teure Hymer B-Klasse MasterLine auf der Basis eines Mercedes-Benz-Sprinter-Triebkopfs entsteht. Oder wie die Arbeitenden auf einem Fiat-Ducato-Chassis einen Hymer Free zusammenbauen, der mit knapp 43‘000 Euro günstigste unter den Campervans. Zwölf Baureihen hat Hymer derzeit im Programm, davon sind bei den Reisemobilen vier und alle sechs Campervans in der 3,5-Tonnen-Klasse. Sie darf mit der EU-Führerscheinklasse B gefahren werden.

Ein Fahrgestell mit Motor wird aus der Chassisschleuse in die Halle gezogen. Bereits ausgestattet mit Tanks, Grundelektrik, Grundgas- und Wasserversorgung sowie Fussboden, nimmt es nun die Gestalt eines Wohnmobils an. Die Längsseiten der Halle sind in vier Abschnitte eingeteilt: Bereiche mit Schränken sowie mit Möbeln für die Küchen, die Bäder und die Schlafplätze, welche die Arbeiter in kürzester Zeit einbauen. Zum Schluss werden die Seitenwände und das Dach eingesetzt. 

Eineinhalb bis zweieinhalb Tage ab Chassisschleuse dauert der Entstehungsprozess bis zum fertigen Fahrzeug, je nachdem, ob Campervan oder Reisemobil. Wie viele Fahrzeuge pro Jahr hier produziert werden, gibt Hymer nicht preis. Seit die Firma zur börsenkotierten Thor Industries gehört, werden dazu keine Angaben mehr gemacht. Aus gut informierten Quellen aber heisst es, dass die Erwin Hymer Group, zu der neben Hymer noch weitere 19 Marken wie Eriba und Dethleffs gehören, pro Jahr 60‘000 Freizeitfahrzeuge produziert.

Tüftler mit Visionen

Hymer B-Klasse 1981
Hymer B-Klasse 1981

Vermutlich hat Gründer Erwin Hymer immer gross gedacht, sonst hätte er nicht aus einer kleinen Klitsche ein Unternehmen mit Weltruf machen können, das die Freizeitfahrzeug-Welt aufmischen würde. Bereits mit 27 Jahren gelang ihm ein Wurf. Mit dem Flugzeugingenieur Erich Bachem hatte er 1957 im väterlichen Werkstattbetrieb in Bad Waldsee einen kleinen Wohnwagen gebaut. Dieser Urtroll war der Beginn der Caravanmarke Eriba. Die Idee, dass Ferien auch losgelöst von Hotel und Campingplatz möglich sein sollten, liessen ihn 1961 den Campingbus Caravano auf einem Borgward-Fahrgestell konstruieren. Doch über ein paar Fahrzeuge ging’s nicht hinaus. Der Bremer Autobauer ging 1963 Konkurs.

Andere hätten aufgegeben, nicht so aber der Maschinenbauingenieur, der seine Visionen vom nomadischen Reisen, das heute angesagter denn je ist, unbeirrt realisierte. 1971 präsentierte er auf dem Caravansalon in Essen erstmals das Hymermobil auf dem Fahrgestell eines Mercedes-Transporters. Mit den hellen Kunststoffwänden und der kastigen Form prägte es lange das Aussehen von Reisemobilen. Ein Nerv war getroffen. Bereits in der Saison 1977/1978 wurden 1000 Stück des weiterentwickelten Hymermobils 521 produziert. Der geschäftstüchtige Macher tüftelte weiter und liess Neues entwickeln: So ist das absenkbare Hubbett eine Erfindung aus dem Hause Hymer ebenso wie das PUAL-System, ein sandwichartiger Wandaufbau aus einer Aluminium aussenhaut und einer Dämmung aus Polyurethanschaum. 

Auch kaufte der Oberschwabe fleissig zu: 1980 fusionierten Hymer und Eriba, in den 1990er-Jahren übernahm er Wohnwagenfirmen wie Dethleffs oder Bürstner. Ab 2006 liess er in der ein Jahr zuvor gegründeten Capron GmbH die Marken Carado und Sunlight in Sachsen vom Band laufen. 2013 starb er schliesslich 83-jährig. Seine Erben verkauften Anfang 2019 die Erwin Hymer Group, die mittlerweile über 25‘000 Mitarbeiter beschäftigt und einen Umsatz von mehr als zwei Milliarden Euro aufweist, an Thor Industries aus Indiana, die Nummer eins unter den US-Wohnmobil- und Caravanherstellern. Durch die Übernahme entstand der weltgrösste Freizeitfahrzeug-Produzent.

Qualität made in Schwaben

Beim Gang durch’s Werk sind keine Roboter zu sehen. In der Vormontage macht ein Angestellter die Kanten von Möbelteilen, die eine Werkzeugmaschine aus einer Platte gefräst hatte, von Hand sauber. «Wir haben noch viel von einer Manufaktur. Ausserdem bauen wir sozusagen Hotels auf Rädern. Da muss alles perfekt sein», sagt Wilhelm Wäscher. 80 Prozent der Möbel und die Textilien für Wohnmobile und Campingbusse werden vor Ort gefertigt. Allein die firmeneigene Näherei beschäftigt um die 30 Personen. All das erklärt die Preise der schwäbischen Qualitätsprodukte, die in der Schweiz bei sechs Händlern vertreten sind. Wer mal in einen Exsis-i oder einen Camper Vans hineingeschaut hat, vergisst schnell Vorstellungen von bünzlig beigen Interieurs. Die Interieurs wirken wie elegante Hotelzimmer, obwohl Wohn- und Schlafbereich sowie Nasszelle auf engstem Raum untergebracht sind.

Und wie sieht es mit der Elektromobilisierung aus?

Noch ist Diesel der Treibstoff der Stunde. «Für Transporter, unsere Basisfahrzeuge, gibt es seitens der Automobilindustrie derzeit noch keine passende Stromspeichertechnologie, die uns das Reisen über lange Strecken erlauben würde», so Christian Bauer, Geschäftsführer der Hymer GmbH & Co. KG. Aber es müsse auf lange Sicht neue Antriebskonzepte geben. Welche das genau sein werden, zeige sich. Man sehe aber in erster Linie die Autohersteller in der Pflicht, da sie die Basisfahrzeuge für den Markt produzierten.

Mit welchen Antrieben die Hymer-Reisemobile und -Vans künftig auch fahren werden, angesichts der steigenden Nachfrage in Europa wurden 2019 mit 131 956 dieser Fahrzeuge 5,5 Prozent mehr verkauft als im Jahr zuvor, geht die Hymer-Erfolgsstory wohl weiter.

Interview mit Hymer-Designleiter Frank Venter

Hier geht’s zum Interview mit Hymer-Designleiter Frank Venter.

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