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15.08.2022

Teufelskreis Elterntaxis

Viele Eltern chauffieren ihre Sprösslinge mit dem Auto zum Unterricht – und nehmen dabei die Gefährdung anderer Kinder in Kauf.
15. August 2022

Ein hartnäckiges, weil vielschichtiges Problem.

Ein halbes Dutzend Autos bildet frühmorgens eine ungerade Kolonne vor einer Schule. Kinder hüpfen aus den Fahrzeugen heraus und schlängeln sich an den Karossen vorbei, unachtsam, unbekümmert, unschuldig. Währenddessen führen die ­elterlichen Chauffeure, trotz der unübersicht­lichen Situation, heikle Wendemanöver durch – die meisten gleichzeitig und unter Zeitdruck – und bringen die Kinder dadurch in Gefahr.

Szenen, die mittlerweile zum Alltagsbild vor vielen Schweizer Schulen gehören. Wie der TCS 2019 in einer repräsentativen Studie ermittelte, kommen hierzulande vierzehn Prozent aller Schüler per Elterntaxi in die Schule. Sprich, jedes siebte Kind. Bei einer durchschnittlichen Schule mit 300 Schülerinnen und Schülern sind das über vierzig Kinder beziehungsweise etwa genau so viele Taxis. Die Studie ergab zudem markante regionale Unterschiede: Während in der Deutschschweiz sieben Prozent der Kinder von den Eltern chauffiert werden, sind es in der Romandie satte dreissig Prozent.

Eine Frage der Sicherheit?

Pedibus

Es gibt durchaus Umstände und Ausnahmen, die ein Elterntaxi rechtfertigen: zum Beispiel ein unzumutbar langer, steiler oder gefährlicher Schulweg. Oder fehlende Angebote wie etwa ein Schulbus. Oder ein verstauchter Knöchel. Die meisten Fahrten finden jedoch aus anderen Beweggründen statt. Fragt man die Eltern, erhält man oft dieselbe Antwort: Sicherheit. Man will sicher sein, dass das Kind wohlbehalten ankommt. Die Strasse sei gefährlich, gefährlicher als früher. Die Zahlen des Bundesamts für Statistik belegen jedoch genau das Gegenteil. Im Vergleich zum Jahr 1980 mit rund 1700 schweren Unfällen mit Kindern geschehen heute nur noch zehn Prozent so viele Unfälle, die Hälfte davon, etwa 85 pro Jahr, auf dem Schulweg.Unsere Schulwege sind grundsätzlich sicher. Die Sicherheit scheint also weniger ein rationales als eher ein emotionales Argument zu sein, ein vorgeschobener Grund. Oft gar eine Ausrede. Die Entscheidungen der Eltern werden häufig von Bequemlichkeit, Zeitmanagement oder Unwissenheit über Alternativen bestimmt. Manchmal gehe es einfacher und schneller, die Tochter morgens auf dem Weg zur Arbeit abzusetzen, als sie früher fertig zu machen und auf den Weg zu schicken, auf dem weiss nicht was passieren könne.

Und es passiert auch viel. Viel, das für die Ent­wicklung eines Kindes wichtig ist, wie die Bera­tungsstelle für Unfallverhütung festhält: «Zu Fuss zum Kindergarten und zur Schule zu gehen, hat positive Auswirkungen auf die Gesundheit der Kinder, auf ihre Persönlichkeitsentwicklung und Lernfähigkeit. Regelmässige Bewegung stärkt zudem ihre Abwehrkräfte, beugt Hal­tungsschäden und Übergewicht vor und macht Spass. Es fördert die körperliche, motorische und geistige Entwick­lung. Ausserdem nehmen Kinder ihre Umgebung bewusster wahr und lernen, sich selbstständig im Verkehr zu bewegen.» Gemäss dem TCS führt es langfristig sogar zu mehr Sicherheit: Je früher sich ein Kind an den Strassenverkehr gewöhnt – zu Beginn durch Üben mit den Eltern –, desto geschickter wird es sich in ihm bewegen und zudem Sicherheit für das spätere Velofahren gewinnen. Als zumutbar gilt übrigens ein Schulweg von bis zu dreissig Minuten, der viermal pro Tag zu Fuss zurückgelegt wird.

Kiss-and-Ride sorgt kaum für Entspannung

Pedibus
Regionale Unterschiede: In der Deutschschweiz werden sieben Prozent der Schulkinder gefahren, in der Romandie sind es dreissig Prozent.

Elterntaxis sind also nicht nur eine Gefahr vor den Schulen, sie rauben den Kindern auch wertvolle, soziale und autonomiefördernde Erfahrungen. Trotzdem hält sich das Problem hartnäckig, weshalb Gemein­den, Schulen, Eltern oder gar Kinder selbst nach Lösungen suchen. Mit mässigem Erfolg. Schul- und Pedibus, Mittagstisch, Verbotstafeln, Flyer, Elternratssitzungen, Schülerwebsites oder Anreizsysteme – zum Beispiel Belohnungen für zu Fuss zurückgelegte Kilometer – bleiben zwar nicht ungehört, können das Problem aber auch nicht auflösen.
Die Aargauer 3000-Seelen-Gemeinde Berg­dietikon mit rund 270 Schülerinnen und Schülern hat sich vor gut einem Jahr einer Idee bedient, die man schon von Flughäfen kennt: eine Kiss-and-Ride-Zone. Fünf bis zehn Gehminuten von der Schule entfernt, können Eltern ihre Kin­der auf dem grossen, neuen Turnhallenparkplatz ein- oder aussteigen lassen. Dies entlastet nicht nur die enge Strasse vor der Schule, die auch von Lehrpersonen und Anwohnern genutzt wird, sondern ermöglicht den Kindern zumindest einen kurzen Schulweg. Was sich in der Theorie vielversprechend anhört, ist in der Realität jedoch gescheitert. «Wir sehen leider kaum eine Entspannung, was die Häufigkeit der Elterntaxis direkt vor dem Schulhaus betrifft», resümiert Gemeinderätin Françoise Oklé (FDP) nach dem ersten Jahr. Interessanterweise habe sich die Gesamtsituation aber trotzdem entspannt, da der Parkplatz nun von Lehrpersonen und Mitarbeitenden der Schule genutzt werde. Wirklich befriedigend sei das natürlich nicht, und es sei sehr schade, dass das Angebot nicht auf die gewünschte Resonanz trifft. «Der Weg vom Parkplatz zum Schulgebäude ist absolut ungefährlich. Kein Kind muss eine Strasse überqueren», erklärt Françoise Oklé.

Als Gründe für das mässige Interesse an der Kiss-and-Ride-Massnahme nennt die Gemeinde­rätin Bequemlichkeit sowie kulturelle Unterschiede: «Wir haben zum Beispiel Eltern aus Ländern, in denen Kinder traditionsgemäss zur Schule gefahren werden. Sie schwärmen zwar von unseren schönen und sicheren Schulwegen, chauffieren ihre Kinder aber trotzdem, weil man es da, wo sie herkommen, eben so macht.» Zum Glück sei in Bergdietikon noch kein Kind deswegen zu Schaden gekommen, aber: «Es kam schon zu Auffahrunfällen zwischen Elterntaxis», sagt Oklé.

Kultureller Knotenpunkt Monthey

Pedibus

In der Westschweiz, wo das Phänomen weit stärker verbreitet ist, schauen wir uns Monthey an. Der Hauptort des Walliser Chablais wird von Primarschulleiter Michael Morisod als «kultureller Knotenpunkt» bezeichnet. Wie er berichtet, setzen sich die über 18 000 Einwohner der drittgrössten Stadt des Kantons aus rund neunzig Nationalitäten zusammen. «Manche Familien aus dem Süden sind erstaunt, hier so offene Bildungseinrichtungen vorzufinden, weshalb sie zuweilen an der Sicherheit ihres Kindes zweifeln», sagt der Schuldirektor. Die Thematik der Elterntaxis ist deshalb auch für ihn aktuell. Dies umso mehr, als das Schulnetz auf ein Nachbarschaftsprinzip aus den Sechzigerjahren zurückgeht. Die Folge davon: längere Schulwege aufgrund der geografischen Zersplitterung in elf Grundschulen, darunter vier grosse Komplexe in der Stadt mit 970 von insgesamt 1500 Schülern.

Derzeit verfügt nur das Collège de l’Europe (350 Schüler) über eine Ein- und Aussteigezone. Anderswo in der Stadt lassen die baulichen und infrastrukturellen Gegebenheiten kaum eine ähnliche Lösung zu. Ausser auf der Anhöhe von Choëx – neunzig Schüler der Primarstufe –, wo hinter der Schule ein Parkplatz eingerichtet wurde, den die Eltern benutzen können.

«Alle Eltern erreichen»

Die Behörden wollen verstopfte Strassen in der Nähe der Schulhöfe reduzieren, indem sie Anreize schaffen: «Die Eltern dürfen für eine begrenzte Zeit gratis auf den Parkplätzen um die Schule ­herum halten, um ihre Kinder zu Fuss zur Schule begleiten zu können», erklärt Gemeinderätin Aferdita Bogiqi (SP). Sie betont auch die Zusam­menarbeit mit den Transports Publics du Chablais (TPC) und deren Transportnetz «MobiChablais» für Schulfahrten: «Es handelt sich um eine be­sondere Kategorie von Nutzern, die Sicherheit und Regelmässigkeit erfordert. Wir konnten das An­gebot durch zahlreiche fortlaufende Anpassungen optimieren. Jetzt gilt es, den Eltern die Vorteile des Konzepts besser zu vermitteln.» Die Gemeinderätin ist vom Nutzen der Mitbestimmung überzeugt: «Es braucht Sensibilisierung zur Erreichung der Gewohnheitsveränderung und die notwendige Infrastruktur, insbesondere genügend Abstellplätze für Velos und Roller – nebst anderem.»

Weitere Hoffnung schöpft man in Monthey aus dem vor fünfzehn Jahren beschlossenen Gesamtplan zur Neugestaltung des Stadtzentrums. Dessen Ziel fasst Stadtrat Gilles Cottet (Mitte), zuständig für Infrastruktur, Mobilität und Um­welt, wie folgt zusammen: «Den urbanen Raum wieder für Fussgänger, Terrassen und Geschäfte öffnen, den Verkehr einschränken, oberirdische Parkplätze ­abbauen und durch unterirdische ersetzen.» Im Stadtkern hat sich der Verkehrsstrom in den letzten Jahren bereits verändert, und auf den Strassen um die Fussgängerzonen herum gilt Tempo 20 und 30. «Die Kinder haben sich gut daran gewöhnt, und die Autofahrer sind aufmerksamer», freut sich Gilles Cottet. Die Ausweitung des Projekts auf das gesamte Zentrum werde sich auch auf das Schulnetz auswirken. Oder gemäss Aferdita Bogiqis ­Vision: «Ein grosser ‹Campus›, erschlossen durch eine gut ausgebaute, sanfte Mobilität.»

Text: Dominic Graf
Illustrationen: Nicolas Kristen

«Eltern schon vor Schulbeginn informieren»

Christophe Nydegger

Christophe Nydegger, Leiter Verkehrssicherheit beim TCS, über das Phänomen Elterntaxi.

Wie könnte man Eltern, die sichum die Sicherheit ihrer Kinder sorgen und sie deshalb fahren, die Angst nehmen?
Christophe Nydegger: Es wäre gut, wenn die Eltern vor Schulbeginn nicht nur erfahren, wer ihr Kind unterrichten wird, sondern auch, wie es sich sicher auf dem Schulweg bewegt. Manche Gemeinden erstellen Broschüren, in denen die sichersten Wege verzeichnet sind und erklärt wird, warum Elterntaxis keine gute Idee sind. Und dass dadurch Kindern eine Menge Entwicklungsmöglichkeiten vorenthalten werden. Auf dem Schulweg treffen sie andere Schüler und lernen auch über die Gefahren im Strassenverkehr.

Wäre der im Ausland beliebte «Walking Bus» eine Möglichkeit, das ­Vertrauen zu stärken? Dabei bringen Eltern mehrere Schulanfänger zu Fuss zum Unterricht und holen sie wieder ab.
Das gibt es in einigen Kantonen, aber ich fände es gut, wenn es noch bekann­ter würde. Das ist jedoch eine Sache, die lokal von den Eltern mit Unterstüt­zung von Schulen oder Gemeinden ­organisiert werden muss.

Manchmal haben jedoch Eltern keine andere Wahl und müssen die Kinder fahren. Wie gehen sie am besten vor?
Stimmt, manchmal geht es nicht an­ders. Eltern könnten die Kinder 200 bis 300 Meter vor der Schule aussteigen lassen. So tragen sie nicht weiter zum Autochaos vor der Schule bei, und die Kinder können den sichersten Weg nutzen, um sich mit Gspänli auszu­tauschen und um draussen sicherer zu werden.

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Raus aus der Alltagsroutine!
Das antwortet der TCS auf die häufigsten Begründungen, warum Eltern ihre Kinder in die Schule fahren.

«Mit dem Auto ist es schnellerund praktischer.»
Das mag stimmen. Aber das Kind profitiert von vielen Vorteilen, wenn es den Schulweg zu Fuss zurücklegt. Es lohnt sich wirklich, die Zeit dafür zu investieren.

«Zu Fuss zur Schule zu gehen, ist für mein Kind gefährlich.»
Aus diesem Gedanken ergibt sich ein Teufelskreis, den man durchbrechen sollte. Aus Angst vor möglichen Gefahren chauffieren Eltern ihr Kind mit dem Auto zur Schule. Das erhöht das Verkehrsaufkommen in der Umgebung der Schule – und damit wiederum die Sorge ums Kind. Eltern sollten ihrem Kind beibringen, alleine in die Schule
zu gehen.

«Mein Kind ist zu zerstreut, um alleine zur Schule zu gehen.»
Umso wichtiger ist es, das Kind so früh wie möglich zu fördern. Im Auto hat
es nicht die Möglichkeit, seine Fähigkeiten im Strassenverkehr zu ent­wickeln. Doch genau die sind für die Sicherheit wesentlich. Und wenn das Kind älter ist, besteht die Gefahr, dass es nicht ­genügend auf das richtige ­Verhalten im Verkehr vorbereitet ist.

«Ich bringe mein Kind zur Schule, wenn ich mit dem Auto zur Arbeit fahre.»
Sicher wohnen andere Schulkinder in der Nachbarschaft. Dann könnte man zum Beispiel verabreden, dass die Kin­der gemeinsam zur Schule gehen und man selbst einfach zur Arbeit fährt.

«Ich kann es wirklich nicht anders einrichten.»
Müssen Eltern ihr Kind mit dem Auto mitnehmen, weil sie sehr weit weg
von der Schule wohnen? Oder haben sie einen anderen triftigen Grund? In diesem Fall kann man sein Kind einige Minuten zu Fuss von der Schule entfernt absetzen. So profitiert es trotzdem von den Vorteilen eines Schulwegs zu Fuss.

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