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20.04.2026

Auf grosser Fahrt im Nordmeer

In einer Woche von Aberdeen über Orkney, Shetland und Färöer nach Island – dazu Vorträge, Vogelbeobachtungen und mehr.

Doch das wahre Highlight dieser Expeditionsreise sind nicht die Besuche der Inseln, sondern das, was dazwischen passiert: Schafe, die einen Bus stoppen, oder die stille Weite des Meeres in der Nacht.

Text und Fotos Christian Bauer

Aberdeen-Shetland
Das Expeditionsschiff auf der Reise war die 1990 gebaute «MS Seaventure». Foto zvg

Am Bug gibt es nur die See und mich. Die Oberfläche des Meeres liegt da wie gebügelt, keine Welle, nicht einmal ein Kräuseln. Die Welt ist violett, fast schwarz, mit Nuancen, an denen sich das Auge festhalten kann. Es ist nachts, zwei oder vielleicht drei Uhr. Passagiere und Crew schlafen, nur der diensthabende Offizier bemannt die Brücke und blickt wie ich in diese Unendlichkeit. Vereinzelt durchbricht ein «Pfuuuuuuh» die Stille: ein Buckelwal, der aus der Tiefe bricht. Sein weisslicher Atemnebel verflüchtigt sich in der Nacht, Wellenkreise ziehen in die Ferne. Ein paar Minuten nur, dann senkt sich der Frieden wieder über das Nordmeer, irgendwo zwischen den Färöerinseln und Island. Stunden könnte ich hier stehen – und glauben, die Reise sei immer so gewesen: still, gross, erhebend.

Schwieriger Start

Aberdeen-Shetland
Sumba auf der Insel Suðuroy ist die südlichste Ortschaft der Färöer und war lange recht abgeschieden von der Welt.

Es begann nicht so. Es begann – auf seine eigene, ironische Weise magisch – mit einer kleinen weissen Tablette. Kurz nach dem Abendessen, wenige Stunden später, nachdem wir in Aberdeen ausgelaufen waren, erreicht die «MS Seaventure» das offene Meer zwischen Schottland und den Orkneyinseln. Das Meer tost. Der Gleichgewichtssinn kapituliert. Der Magen drückt, als wollte er eine Beschwerde gegen den köstlichen Lachs vom Abendessen einreichen. Am nächsten Morgen wird Kapitän Arsen Prostov beim Frühstück sagen, die kleinen Wellen hätten ihn sanft in den Schlaf geschaukelt. Da brauche es schon grössere Kaliber, um ihn wach zu halten. Er sagt das mit dem Selbstbewusstsein eines Seefahrers, der schon alle Polarregionen bereist hat. Für mich ist es kein Trost. Ich bin benommen, wortkarg und freue mich über jedes Zeichen von Land, als wäre es eine weitere weisse Pille.

Aberdeen-Shetland
Der alte Teil von Tórshavn, der Hauptstadt der Färöer.

Als am Horizont ein dünner grüner Strich im Blaugrau des Meeres auftaucht, atme ich aus: die Shetlandinseln, fester Boden unter den Füssen. Verletzlich sehen sie aus, diese grasbewachsenen, waldlosen, kargen Felsen, die den Elementen und dem peitschenden Meer schutzlos ausgeliefert sind. Vielleicht deshalb wirkt der Hauptort Lerwick mit seinen grauen Granithäusern wie eine Trutzburg. Und deshalb sind die Ponys kurz und stämmig, und die Schafe tragen Wolle, so warm wie ein Hightech-Pullover. Überhaupt: Schafe. Wesen, die nicht wissen, welches Entzücken sie mit ihrem kuscheligen, vielfarbigen Fell bei uns auslösen. Hinter gefühlt jeder Kurve wackeln sie über die Strasse und zwingen unseren Tourbus zum Halten.

Wo Schafe Marketing machen

Aberdeen-Shetland
Shetland: mehr Schafe als Menschen.

Auf Shetland dreht sich fast alles ums Schaf. Auf einen Einwohner kommen hier sechs bis zwölf Tiere, je nach Jahreszeit. Und auf den Färöerinseln – deren Name oft als Schafinseln gedeutet wird – hat man die Vierbeiner als Marketingspezialisten angestellt. Bevor Google Street View auf die Inseln kam, installierten findige Färinger das sogenannte Sheep View: Kameras, von Schafen getragen, welche die Schönheit der Inseln live in die Welt streamten.
Wir sehen das alles live: den Wasserfall Múlafossur, die Grassodenhäuser in Bøur und die erfrischend vibrierende Hauptstadt Tórshavn – der Hafen des Donnergottes Thor, wie die Übersetzung lautet. Unsere «Freizeit» verbringen wir im schönsten Café des Landes, dem Paname Café in einem Holzhaus. Und wüssten wir nicht, dass wir uns auf einem grasigen Felsen im Atlantik befinden, wir würden uns wie in Kopenhagen fühlen.

Aberdeen-Shetland
Der Wasserfall Vestdalsfossar bei Seyðisfjörður.

Zurück im Hafen hat unser Schiff Konkurrenz bekommen. Am Anleger hat die «Le Bellot» der Reederei Ponant angedockt – eines der luxuriösesten Expeditionsschiffe der «sieben Weltmeere». Unsere «MS Seaventure» liegt etwas schüchtern daneben. Es ist, als würde man einen Land Rover neben einem Rolls-Royce parken. Die «MS Seaventure» ist schon etwas in die Jahre gekommen. Dreissig Jahre lang war sie als «MS Bremen» unter der Reederei Hapag-Lloyd in den Polarregionen unterwegs, bevor sie von der chinesischen 66° Expedition gekauft wurde. Gebaut 1990, haftet ihr ein Flair von «guter alter Zeit» an. Ich mag das: die kleinen Kajüten, die abgelebte Holzvertäfelung, die Patina – wer braucht Luxus, wenn vor dem Balkon Buckelwale auftauchen und Seevögel um die Reling flitzen.

Vögel sind faszinierend

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Einer von vielen: Papageientaucher auf Seyðisfjörður im Nordosten Islands.

Um welche flatternden Gesellen es sich handelt, erläutert Brian, Zodiacfahrer, Wanderguide und Vogelexperte. Seine Vorträge verlaufen selten nach Plan: Sobald Brian einen Vogel vor dem Fenster entdeckt, klebt er mit der Nase an der Scheibe – und mit ihm das halbe Publikum. Auch wer sich bis dato nicht für Vögel interessierte, den reisst Brian mit seiner Begeisterung mit. Wie bei Expeditionsfahrten üblich, liegt der Fokus auf Wissensvermittlung: Täglich hält das Team Vorträge zu Geschichte, Tierwelt oder Geografie.
Je näher wir Island kommen, desto aufgeregter wird John, der Geologe. «Island ist mit keiner Region der Welt zu vergleichen», schwärmt er. «In Island kann man der Welt beim Werden zuschauen.» Er spricht vom Mittelatlantischen Rücken, von Geysiren, Vulkanen und Gletschern. Doch mein Highlight in Island ist kaum grösser als eine Wachtel, schwarz-weiss, mit Regenbogenschnabel, an Land tollpatschig herumwatschelnd: Papageientaucher. Wir liegen in Seyðisfjörður im Nordosten Islands, wo es sich auf einem grasigen Hügel eine Vogelkolonie gemütlich gemacht hat. Wir sitzen lange am Beobachtungspunkt, reden wenig, schauen viel.Mittlerweile sind wir eine Woche unterwegs, und die Reise neigt sich dem Ende zu. In der letzten Nacht gehe ich wieder zum Bug. Wieder bin ich allein und verliere mich im weiten Violett der Meeresnacht. Und alle Anspannung fliesst aus mir wie das Atem«Pfuuuuuuh» eines Wals.

Die Reportage war möglich dank Einladung von Glur Reisen.

Aberdeen-Shetland

An- und Rückreise
Für diese Expeditionsreise flogen die Teilnehmer aus der Schweiz nach Aberdeen mit Zwischenstopp in Amsterdam. Zurück ging es von Island aus.

Ausstattung
Im Sommer klettert das Thermometer auf den Inseln selten über zwanzig Grad Celsius. Entscheidend sind warme Schichten, Wind- und Regenschutz (meist stellen die Reedereien Expeditionsjacken zur Verfügung) sowie bequeme Wanderschuhe mit rutschfester Sohle – an Deck kann es überraschend glatt werden.

Seekrankheit
Meist gewöhnt sich der Körper schnell an den Seegang. Wer empfindlich ist, packt trotzdem Tabletten gegen Seekrankheit ein. Die wirksameren Varianten sind rezeptpflichtig: vor der Reise ärztlich abklären.

Anbieter
Glur Reisen, der Schweizer Spezialist für die Polarregionen, hat verschiedene Expeditionskreuzfahrten zwischen Schottland, Shetland, den Färöerinseln und Island im Programm. Die beschriebene Reise wurde von der chinesischen Reederei 66° Expeditions durchgeführt. Alle namhaften Expeditionsreedereien bieten ähnliche Routen an.

glur.ch

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