





Reportage Daniel Riesen
Fotos Marianne Mathys, Daniel Riesen, Karte Keystone
Beim Aufstieg wird es mir leicht schummrig. Das kommt überraschend, in einem flachen Land wie Dänemark. Nicht Anstrengung ist der Grund fürs flaue Gefühl in der Magengrube, es ist die Treppenkonstruktion des Marsk tårnet. Der Turm dreht sich wie ein rostiger Bohrer in den Himmel, die Treppenstufen winden sich um dessen Achse und sind schief angelegt. Für weitere Schieflage sorgt der Wind, einmal von vorn, dann von hinten. Ein Blick nach unten ins Feld mit wogendem Getreide gibt dem Gleichgewichtssinn endgültig den Rest. Wo ist das Ruhebänklein, wenn man es einmal braucht …?
Der Anstieg über 146 Treppenstufen auf den 25 Meter hohen Aussichtsturm war gewissermassen der Höhepunkt unseres kurzen Roadtrips durch den Süden Dänemarks. Generell ist das Königreich ein Land der flachen Sorte, im Mittel erhebt es sich gerade mal dreissig Meter über den Meeresspiegel, rund geschliffen von den Gletschern der letzten Eiszeit. Autor, Frau und Hund erkunden die Gegend an Bord eines wuchtigen SUV, da ist die Aussicht schon mal gut.
Im Autoreisezug vergeht die Anreise bis Hamburg im Schlaf. Für die Weiterfahrt haben wir uns teils für den Seeweg entschieden. An Lübeck vorbei geht es nach Fehmarn zur Fähre von Puttgarden nach RØdby. 125 Euro einfach, holla, das könnten kostspielige Ferien werden. Dafür ist man fast eine Stunde auf See, hat Zeit für einen Spaziergang an Deck, geniesst die Sonne im Gesicht, den Wind im Haar und damit eine erste Prise Feriengefühl. In wenigen Jahren, wenn der Bahn- und Strassentunnel durch den Fehmarnbelt vollendet ist, wird sich diese Strecke schneller, dafür weniger eindrücklich abwickeln lassen.
Autofahren in Dänemark ist – ausserhalb der von uns gemiedenen Metropolen – eine entspannte Angelegenheit. Kurven machen sich rar, Tempolimits (50/80/130) ähneln jenen der Schweiz wie auch die Bussenhöhe, also fahren Däne und Dänin eher gemächlich. Dazu kommt die im locker besiedelten Land geringe Verkehrsdichte. Da bleibt Zeit, das vorüberziehende Grün zu betrachten, mit Feldern, Hecken und Wäldern in schneller Folge. Einzelgehöfte sind auf drei Seiten von Bäumen umringt, gehegt und gepflegt als Windschutz. In Südjütland (Sønderjylland) steht nicht selten eine Rotbuche neben dem Hof. Zwischen 1864 und 1920 war sie ein Zeichen des Widerstands gegen die deutsche Besatzung: Das Gebiet gehörte damals zu Schleswig.
Mit den Nachbarn im Süden, den Tysken – oder weniger freundlich: Prøjser – hatten die Dänen immer mal wieder ihre Händel. Davon zeugt, noch auf heute deutschem Boden, das Danewerk, ein Verteidigungswall, teils fast 1500 Jahre alt, heute eine gute Wahl für kurze und lange Spaziergänge. Der Weg verläuft auf der Krone des früheren Dammes, ein mittlerweile stark abgetragenes und überwuchertes Menschenwerk. Das nahe gelegene Dorf Haithabu wiederum, ein wichtiger Standort der Wikinger für den grenzüberschreitenden Handel, zeugt vom friedlichen Miteinander.
Jüngeren Datums sind die Anlagen der Düppeler Schanzen (DybbØl Banke) westlich von Sønderborg, wo die Dänen 1864 erkennen mussten, dass sie dem Ansturm der Preussen und Österreicher nicht gewachsen waren. Schleswig und Holstein gingen verloren, Teile davon gingen 1920 zurück an Dänemark, als die Regionen in einem Referendum frei über ihre Zugehörigkeit entscheiden konnten. Auch die Düppeler Schanzen lassen sich, trotz unfriedlicher Vergangenheit, auf einem schönen Bum mel im Grünen erkunden. Skurril für den unvorbereiteten Besucher ist FrØslevlejren, ein Internierungslager. Das hatten die von Deutschland im Zweiten Welt krieg besetzten Dänen eingerichtet, mit dem Hintergedanken, von den Nazis inhaftierte Landsleute vor dem Weitertransport nach Deutschland und damit vor dem fast sicheren Tod zu bewahren. Dies gelang in vielen Fällen. Es könnte dieses insgesamt gelungene Manöver sein, das den Dänen im Umgang mit diesem Teil der Geschichte eine gewisse Lockerheit gibt. So wirkt es zumindest, wenn im Museumsshop thematische Spielkarten zu kaufen sind oder Thermosflaschen in Granatenform. Oder wenn man im Wachtturm über Kimme und Korn eines auf die Lagerbaracken gerichteten Maschinengewehrs linst.
Auf Seeland, in Roskilde, unweit von Kopenhagen, besuchen wir das wohl kompletteste Wikingermuseum des Landes. Hier wird nicht nur Altes gezeigt, hier wird mit dem Alten gearbeitet und Neues hervorgebracht. Die dort beschäftigten Bootsbauer sind Experten für Nachbauten früherer Boote, mit zeitgenössischem Material und zeitgenössischem Werkzeug. Gleich nebenan treffen wir Konservatorin Siv Jespersen, Nadel und Faden in den Händen, ein Segel auf dem Schoss. Es sei nicht einfach, nahe am Original zu arbeiten, schliesslich gebe es kaum verlässliche Aufzeichnungen. «Ich probiere Dinge aus, und irgendwann weiss ich: So ist es richtig.» Augenfällig sei, wie begrenzt die Ressourcen – Häute, Hanf, Bast, Pferdehaare – der Menschen damals gewesen seien. «Alles wurde sorgfältig behandelt und nichts weggeworfen.»
Beim Bummel durch den kleinen Museumshafen bleibe ich bei einem der kleineren Langboote stehen. Es sei für die Winterfischerei bei den Lofoten verwendet worden, heisst es zur Erklärung. Ich kombiniere die Vorstellung von Kälte, Nässe und fehlender Funktionsbekleidung zu einer ausgesprochen ungemütlichen und rauen Existenz. Kaum etwas könnte weiter entfernt sein vom dänischen Gefühl für Gemütlichkeit, «Hygge», das mittlerweile fast so bekannt ist wie die Wikinger.
Kuschelig-gemütlich war es auf unserer Frühsommertour nicht unbedingt. Was wir aber fast stets angetroffen haben, war eine entspannte, ungekünstelte Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft. Sei es im kleinen Restaurant in SØnderborg, wo nebeneinander Cakes sowie Nadel und Faden angeboten werden, im Motel Rovli in BrØns, wo uns die Besitzerin viel Zeit widmet und ein massgeschneidertes Zmorge serviert, oder im Café der HØjer-Mühle, wo die Bäckerin persönlich die Finessen des Brunsviger erklärt, eines Kuchens der Sorte Kalorienbombe.
Überhaupt liessen sich zur dänischen Küche Bücher füllen. Das SmØrrebrØd, einfach oder edel belegtes Roggenbrot, ist weltbekannt. Gerichte aus Fisch oder Schweinefleisch sind etabliert. Die südjütländische Kaffeetafel, entstanden während der deutschen Besatzung ab 1864, hat eine breite Palette von Gebäckformen hervorgebracht und verfeinert. Alltagskultur wiederum widerspiegelt sich in der Liebe der Dänen zum Hotdog. «Annies Kiosk» an der Flensburger Förde westlich von SØnderborg hat es damit zu überregionaler Bekanntheit gebracht. Als Wurstbude schon 1936 gegründet, hat sich der direkt am Wasser und somit auch per Schiff erreichbare Hotdog- und Burgerstand als Ausflugsziel und Motorradtreff etabliert. Drinnen ist es geschäftig und eng vor der Theke, geschlemmt wird draussen, wo es, extra für uns, nachhaltig regnet. Pech, denn nach Statistik regnet es in Dänemark deutlich weniger als in der Schweiz.
Unsere Stippvisite lassen wir mit einem Bummel durch Åbenrå (Apenrade) ausklingen. Die Eindrücke sind ähnlich wie überall im Süden Dänemarks. Pieksauberes Strassenbild, überschaubare Menschenmengen, entspanntes Geschehen.
Diese Reise wurde durch Autoreisezug UEX, urlaubs-express.de, Destination Sønderjylland, visitsonderjylland.dk, und Dänemark Tourismus, visitdenmark.de, ermöglicht.
Reise-Check
Anreise: Autoreisezug Lörrach–Hamburg, urlaubs-express.de Fähre Fehmarn–Rødby puttgardenrodby.de
Unterkünfte: Günstig: offene Shelter im ganzen Land, bookenshelter.dk
Roskilde: comwell.com
Åbenrå: hoteleuropa.dk
Tønder: hostrups-hotel.dk
Marsk glamping: marskcamp.dk
Brøns: rovli.dk
Erlebenswertes :Rømø: Motorfestival im August, zweiund vierrädrige Oldtimer starten am Strand zum Dragrace; im September Drachenfestival.
Für Wanderer: Gendarmenweg entlang der deutsch-dänischen Grenze.
Gut ausgebautes Netz an Velorouten, oft auf separaten Velowegen; kaum Höhenmeter, dafür Wind.
Älteste Stadt Dänemarks, vor über 1300 Jahren gegründet: Ribe an der Nordseeküste. visitdenmark.fr
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