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24.11.2022

«Alle kommen lächelnd aus dem Wasser»

Surfen ist seit Jahren Trend, allerdings stellen sich die meisten nur bei angenehmen Temperaturen auf das Brett.
24. November 2022

Der französische Fotograf Olivier Morin mag es lieber kalt. Er surft mit Begeisterung im Winter auf den Lofoten und in Finnland.

Wie sind Sie darauf gekommen, bei Minus­graden zu surfen?
Olivier Morin: Vor zehn Jahren las ich in einem Magazin über einen legendären US-Surfer, der im Winter auf den Lofoten die Wellen testete. Ich dachte, das braucht schon was, um bei zwei, drei Grad Lufttemperatur surfen zu gehen, und fing an, mich mit dem Thema zu beschäftigen. Dabei fand ich heraus, dass in Skandinavien schon lange gesurft wird. Den Trend dort setzten Norweger bereits 1962. Vor ein paar Jahren traf ich einen 72-jährigen Mann, der das erste Surfbrett in Skandinavien gebaut hatte. Über ihn erfuhr ich vom Surfcamp seiner Tochter in Unstad auf den Lofoten. Es liegt wunderschön an einem Fjord mit weissen Sandstränden. Achtzehn Kilometer von einer Stadt entfernt, ist es leicht zu erreichen. Aus der ganzen Welt kommen Surfer dorthin, denn die Wellen sind fantastisch. Es ist halt dreissig Grad kälter als auf Hawaii. Nur da auf den Lofoten ist es möglich, mit dem Snowboard zum Strand zu fahren und dann aufs Surfbrett zu steigen. Dort bin ich zum begeisterten Wintersurfer geworden. Finnland, wo ich lebe, liegt an der Ostsee. Damit die Wellen für uns taugen, ist viel Wind nötig und dann wird es richtig kalt. 29 Grad minus fühlen sich an wie fünfzig Grad minus. Aber ich liebe es. Um zum Wasser zu gelangen, müssen wir erst über Eisschollen klettern. Vor zwei Jahren war ich am 25. Dezember ganz allein draussen auf dem Board unterwegs, als es leicht anfing zu schneien. Es war magisch.

Wintersurf
Der Australier Tom Carroll, in den 1980ern zweifacher Weltmeister, reitet bei Unstad auf den Lofoten die Wellen.

Es tönt wunderbar, aber wie lässt sich die Kälte ertragen?
Ich habe anfangs auch gedacht, dass es furchtbar sein wird. Aber wenn das Thermometer draussen fünfzehn Grad minus anzeigt, ist das Wasser vielleicht zwei oder drei Grad warm. Es ist nicht so schlimm.

Das ist noch ziemlich kalt.
Mein Tipp: nicht lange zögern, sondern gleich ins Wasser gehen. Sobald man sich bewegt, wird einem wärmer. Der Wetsuit muss eine Kapuze haben. Da man an Händen und Füssen sehr schnell friert, empfehle ich sieben Millimeter dicke Surfboots und Handschuhe. Manchmal nehme ich eine Thermoskanne mit heissem Wasser mit und schütte etwas davon in Boots und Handschuhe, bevor ich sie ­anziehe. Das hilft ein wenig. Aber es ist schon heftig, wenn das Gesicht das erste Mal ins Wasser taucht oder wenn Tropfen in den Wetsuit ge­langen und die Wirbelsäule hinunterlaufen. Das fühlt sich so an, wie ich mir einen elektrischen Schock vorstelle. Da gibt es nichts zu beschönigen, aber man gewöhnt sich daran.

Wintersurf
Olivier Morin in Straumnes auf den Lofoten. Er findet Surfen im Winter höchst entspannend.

Inwiefern unterscheidet sich das Surfen im Winter von der Erfahrung im Sommer?
In der Wärme zu surfen, ist angenehm, ja fast schon bequem. Auf die Kälte muss man sich an­ders vorbereiten. Ich versuche, mich jeweils in eine Art Zen-Zustand zu versetzen, und schaue, dass ich innerlich so ruhig werde wie zu Hause auf dem Sofa vor einem kurzen Mittagsschlaf. Bis ich dann den Wetsuit anziehe, habe ich alles, was mich gerade beschäftigt, losgelassen. Mein Kopf ist praktisch leer. Es ist wichtig, ganz wach zu sein, da das Surfen im Winter noch mehr Konzentration erfordert als im Sommer. Wenn ich auf dem Board stehe, nehme ich nur noch die Wellen wahr. Die Farben sind im Winter verhaltener. Statt kräftiger Töne herrschen Nuancen von Weiss und Grau vor. Auch ist es viel ruhiger als im Som­mer. Der Schnee dämpft alle Geräusche. Ich empfinde Surfen im Winter als unglaublich entspannend. Es tönt vielleicht kitschig, aber es kommt einer Streicheleinheit der Seele gleich. Und man merkt schnell, dass die Kälte nicht so schlimm ist, wie es erst scheint. Trotz der tiefen Temperaturen ist es möglich, zwei Stunden im Wasser zu bleiben. Viele meiner Freunde in Finn­land hören erst auf, wenn sie müde sind, und nicht, weil sie frieren. Und alle kommen mit einem Lächeln aus dem Wasser.

Interview: Juliane Lutz
Fotos: Olivier Morin

Olivier Morin
Der 57-Jährige stammt aus Bordeaux und gehört zu den renommiertesten Fotografen Frankreichs. Sein Foto von Usain Bolt, über dessen Kopf bei den Weltmeisterschaften 2013 in Moskau ein Blitz zuckt, wurde in Italien zum Sportbild des Jahres und von «Sports Illustrated» zum Foto des Jahres gewählt. Er nahm als Fotograf an elf olympischen Spielen teil und deckte zudem Fussball, Rugby, Leichtathletik sowie Ski¬wettbewerbe ab. Von 2016 bis 2021 Chief Photo France bei Agence France-Presse (AFP), ist er heute für die Nachrichtenagentur als Fotograf für Umweltthemen und Klimawandel zuständig. Immer schon ein begeisterter (Wasser-)Sportler, surfte er bereits als Teenager. Er lebt in Finnland.

Seine Lieblingsspots
Finnland: Pori (Yyteri), Hanko, Storsand; Norwegen: Jæren (im Westen des Landes), Unstad und Flakstad auf den Lofotenen.
oliviermorinphotography.com

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