





Trotz neuer Angebote und Visionen zeigt sich das Verkehrssystem erstaunlich konstant. Was das für die Städte der Zukunft, autonome Fahrzeuge und unser Mobilitätsverhalten bedeutet, erklärt Verkehrssoziologe Timo Ohnmacht in einem Interview.
Beim Thema Verkehr sind scheinbar alle genervt: Stau, volle Züge oder zu wenig Velowege. Woher kommt das?
Die Stimmung im Verkehr hängt immer vom gewählten Verkehrsmittel und vom Zeitpunkt ab. Weil die Tagesabläufe der Menschen den Verkehr prägen, entstehen Phasen hoher Belastung, in denen viele gleichzeitig unterwegs sind. Zudem nimmt der Mischverkehr zu. Dadurch teilen sich immer mehr unterschiedliche Verkehrsteilnehmende den Strassenraum, was gegenseitige Rücksicht erfordert. Und letztlich entwickeln sich die Städte zunehmend zu Lebenswelten, in denen der Autoverkehr nicht mehr den gleichen Stellenwert hat wie vor 50 Jahren.
Sehen Sie auch Positives?
Ja. In der Schweiz nehmen Menschen oft verschiedene Rollen im Verkehr ein, sind multimodal. An einem Tag fahren sie Auto, am nächsten nutzen sie Zug oder Velo. Das schafft Verständnis für andere Verkehrsperspektiven und reduziert Konflikte im Strassenraum. Und ich finde, dass trotz hoher Verkehrsdichte ein erstaunlich positives Klima herrscht, beispielsweise am Bahnhof Luzern.
Wie nehmen Sie den TCS in der Diskussion wahr?
Als sehr fortschrittlich, weil er unter anderem die Bedeutung der Elektromobilität anerkennt und sich für die gesamte Mobilität engagiert. Heute geht es nicht mehr um Silo-Denken, sondern um eine integrierte Verkehrsplanung, die alle Verkehrsteilnehmenden einbezieht und den wesensgerechten Einsatz aller Verkehrsmittel eindenkt.
Was braucht es aus Ihrer Sicht, damit wir unsere Mobilität verbessern und vielleicht auch neu denken können?
Verkehr ist immer ein Aushandlungsprozess, ein Geben und Nehmen. Die Erreichbarkeit einer Stadt bleibt wichtig, gleichzeitig braucht die städtische Bevölkerung einen qualitativ guten Lebensraum. Hinzu kommen ambitionierte Klimaziele, wie sie etwa die Stadt Luzern verfolgt. In diesem Spannungsfeld stellt sich die Frage, welche Verkehrsmittel ihre Vorteile wo am besten ausspielen können. Beim Auto ist das unter anderem im ländlichen Raum der Fall oder auf Nationalstrassen, da es sich zur schnellen Raumüberwindung eignet. In der Stadt hingegen stösst es an Grenzen, weil es viel Platz beansprucht und durchschnittlich 23 von 24 Stunden pro Tag ungenutzt herumsteht.
Welche Zukunftschancen geben Sie dem Auto?
Darüber denke ich momentan viel nach. Es ist erstaunlich, wie stabil das Verkehrssystem ist. Seit der Automobilisierung in den Sechzigerjahren liegt der Motorisierungsgrad in der Schweiz stabil bei rund 500 Fahrzeugen pro 1000 Einwohnenden. Wächst die Bevölkerung, wächst auch die Zahl der Autos. Überraschend ist jedoch Folgendes: Obwohl sich das Verkehrssystem in den letzten 20 Jahren stark ausdifferenziert hat und Alternativen wie Carsharing, Veloleihsystem, Rufbusse oder E-Scooter immer verbreiteter sind, werden nach wie vor 65 von 100 Kilometern mit dem Auto zurückgelegt – das hat sich in den letzten 20 Jahren nicht wesentlich verändert.
Das Auto wird also auch künftig das Rückgrat der Mobilität bleiben?
Ja. Deshalb geht es nicht darum, Autos pauschal zu verbieten, sondern den Autoverkehr nachhaltiger zu gestalten und gute Alternativen zu schaffen, insbesondere in Städten, wo Autos weniger Daseinsberechtigung haben als der öffentliche Verkehr oder der Langsamverkehr.
Was müsste passieren, damit wir uns trauen, in ein selbstfahrendes Auto oder ein Drohnen-Taxi zu steigen?
Autonomes Fahren erlebt gerade eine zweite Welle mit neuen Tests und Hoffnungsträgern. Die aktuelle Diskussion ist mir zu stark technikorientiert. Wir sehen zwar, was technisch bereits möglich ist, und autonomes Fahren funktioniert grundsätzlich. Aber das Auto ist nicht nur Mittel zum Zweck, sondern auch ein Spassmobil. Viele Menschen fahren gern selbst. Dazu kommen Sicherheitsbedenken gegenüber autonomen Fahrzeugen. Zudem gibt es Fachleute, die befürchten, dass dadurch sogar mehr Verkehr entsteht.
Weshalb?
Weil etwa Kinder von zusätzlichen selbstfahrenden Autos zur Schule gefahren würden oder Pensionierte nach ihrer aktiven Fahrkarriere bis ins hohe Alter mit eigenen autonomen Fahrzeugen unterwegs wären. Eine reine Ergänzung oder ein Ersatz des heutigen Fahrzeugflotte durch autonome Fahrzeuge wäre also keine Verbesserung. Vor allem müssten wir es schaffen, den heutigen Besetzungsgrad von 1,5 Personen pro Fahrzeug deutlich zu erhöhen, um Fahrzeuge einzusparen. Denn die Autoindustrie hat Interesse, jedem Haushalt sein eigenes autonomes Fahrzeug zu verkaufen.
Wie werden wir also in 20 Jahren unterwegs sein? Eher nicht autonom?
Nein. Das Verkehrssystem wird sich nicht von heute auf morgen verändern, sondern weiter ausdifferenzieren. Wir werden weitere kleine Innovationsschritte sehen und viele kleinteilige, teils sehr lokale Lösungen. Die Vorstellung, dass wir in 20 Jahren nur noch autonom unterwegs sind, halte ich für übertrieben. Wahrscheinlicher ist ein Mischverkehr. Die heutige Fahrzeugflotte lässt sich nicht einfach komplett austauschen. Zunächst wird es vielleicht autonome Taxis oder autonome Busse geben und daneben weiterhin Menschen, die ihr Auto selbst steuern.
Was wird den Verkehr in den nächsten 20 Jahren verändern?
Einerseits wird es eine Verschiebung geben. Durch den demografischen Wandel nimmt der Freizeitverkehr zu, was zugleich eine Chance ist, weil sich die Verkehrsströme besser über den Tag verteilen. Andererseits wird der Verkehr insgesamt weiter wachsen, unter anderem aufgrund des Geburtenüberschusses. Heute legt jede Person rund 3 Wege pro Tag zurück. Mehr Menschen bedeuten also mehr Wege und damit mehr Druck auf das Verkehrssystem.
Und wenn wir 50 oder 100 Jahre in die Zukunft schauen?
Ich vertrete die These, dass wir in 50 Jahren an der Luzerner Seebrücke stehen werden und sich grundsätzlich wenig verändert hat. Es wird weiterhin zähen Autoverkehr geben, vielleicht stärker automatisiert, und möglicherweise existiert dann der Durchgangsbahnhof. Zukunftsforschende zeigen oft beeindruckende Grafiken einer idealen Verkehrswelt. Ich glaube jedoch nicht, dass es ein Optimum geben wird, das sämtliche Verkehrsprobleme löst. Verkehr bleibt immer ein lokaler Aushandlungsprozess. In der städtischen Mobilität wird es weiterhin Konflikte geben, die gemeinsame Lösungen erfordern.
Worauf setzen Sie denn Ihre Hoffnung für Veränderungen?
Es braucht eine Veränderung der Verhaltensumwelt. Ein gutes Beispiel dafür ist das Rauchen. Über Jahre wurde auf Plakaten auf die gesundheitlichen Schäden hingewiesen. Die Menschen waren informiert, doch ihr Verhalten änderte sich kaum. Erst als die Verhaltensumwelt angepasst wurde – etwa durch Rauchverbote in Restaurants oder Zügen – sank der Tabakkonsum. Für die Mobilität bedeutet das zum Beispiel, Gebiete verkehrsarm umzugestalten, Parkflächen zu reduzieren oder den öV auszubauen. Dadurch verändert sich die Verhaltensumwelt, und mit der Zeit wird das Neue zur Normalität, so wie die autofreie Bahnhofstrasse in der Stadt Luzern.
