Unterkühlung und Erfrierung

Das Kälte-Interview mit dem Notfallarzt.


Wer zu lange niedrigen Temperaturen ausgesetzt ist, riskiert eine Erfrierung oder Unterkühlung. Prof. Dr. med. Aristomenis Exadaktylos, Chefarzt und Klinikdirektor Universitäres Notfallzentrum (Inselspital Bern), klärt auf.

Herr Exadaktylos, wie kalt muss es eigentlich sein und wie lange muss man in der Kälte verharren, um zu erfrieren?
Es ist individuell sehr unterschiedlich, wie lange sich der Mensch der Kälte widersetzen kann. Das hängt von der körperlichen Belastbarkeit (Training und Gewöhnung), der Umgebungstemperatur, der Luftfeuchtigkeit, aber auch dem Wind ab. Deshalb kann bei Biese die gefühlte Temperatur unter der eigentlichen Lufttemperatur liegen. Entscheidend ist auch, wie warm man selber angezogen ist, ob die Kleidung z.B. feucht ist und wie viel Angriffsfläche man der Kälte bietet. Das kennt man ja aus diversen Hollywoodfilmen oder Reportagen, wo sich die Protagonisten feuchter Kleidung entledigen und in der Zeit splitternackt sind. Natürlich ist dies nicht zum Nachahmen empfohlen. Was aber für jeden Menschen gleich ist: Der Mensch braucht eine Körperkerntemperatur von 36 bis 37 Grad Celsius und bereits geringe Abweichungen nach unten führen zu Veränderungen in verschiedenen körperwichtigen Funktionen – von Blutgerinnung bis hin zum Bewusstsein. Die gute Nachricht: Dies ist die Temperatur gemessen in der Tiefe des Körpers, deshalb dauert es eine Weile bis diese abfällt.

Stimmt es, dass den meisten subjektiv sehr warm ist, bevor der Kältetod kommt?
Bei starker Unterkühlung verteilt der Körper das Blut fast ausschliesslich an die absolut lebenswichtigen inneren Organe. Ist der Körper stark unterkühlt – in der Regel unter 32 Grad Celsius – können auch die nicht-lebenswichtigen Abschnitte wieder durchblutet werden, da die überlebenswichtigen Regulationsmechanismen, welche unsere Organe vor dem «Erfrieren» schützen sollen, versagen. Dann wird der Person durchaus plötzlich warm. Die Patienten beginnen dann mit dem Ausziehen der Kleidung. Man spricht von paradoxem Entkleiden oder auch Kälteidiotie. Dies auch, weil das Gehirn nicht mehr korrekt funktioniert. Nicht zu verwechseln ist dies mit dem sinnlosen Entkleiden, wie zum Beispiel bei der Höhenkrankheit, obwohl dort natürlich die Temperatur auch eine Rolle spielt.

Was ist eine Erfrierung, was eine allgemeine Unterkühlung?
Eine allgemeine Unterkühlung betrifft den gesamten Körper, hier fällt die Körperkerntemperatur unter den Normwert und es verändern sich die Stoffwechselvorgänge im gesamten Körper. Bei einer Erfrierung handelt es sich um eine lokalisierte Kälteeinwirkung an einer oder mehreren Stellen des Körpers. In der Regel sind hier die «Endstromgebiete» unseres Körpers betroffen, nämlich Nase, Ohren, Finger und Zehen. Aber auch Erfrierung ist nicht gleich Erfrierung und diese können in unterschiedliche Stadien eingeteilt werden, von leicht bis schwer.

Woran erkennt man also eine Erfrierung und woran eine Unterkühlung?
Bei einer Erfrierung kommt es durch die lokale Kälteeinwirkung zu einer Schädigung des Gewebes. So wird die Haut am Anfang blass-gräulich, das Gefühl verringert sich. Später kommt es zu teilweise blutgefüllten Blasen, noch später zu einer blau-schwarzen Verfärbung der erfrorenen Stellen, am Ende steht die vollkommene Vereisung der Stelle. Drei Stadien gibt es bei der Unterkühlung: Im ersten Stadium versucht der Köper, Wärme durch Muskelzittern zu erzeugen, dafür atmet er schneller und der Puls ist erhöht. Ab ca. 32 Grad kommt es zu einer Schläfrigkeit, die Muskeln werden steif. Und ab unter 28 Grad ist der Puls kaum noch zu fühlen. Natürlich ist dies nicht bei allen Unterkühlungen gleich, aber ähnlich.

Wann sollte man die Ambulanz rufen?
Bei einer Unterkühlung mit beginnender Bewusstseinsstörung sollte man die Ambulanz rufen. Oder wenn man sich beispielsweise nicht mehr aus eigener Kraft in die Wärme retten kann. Wichtig ist, einen bewusstlosen oder stark bewusstseinsgetrübten Patienten nicht selber zu stark und zu schnell zu erwärmen, da dann kaltes und «saures» Blut aus den Beinen und Armen in den zentralen Körper fliesst und zu Herzrhythmusstörungen oder sogar zum Tod führen kann, wenn es das Herz erreicht. Die heisse Badewanne, in der die bewusstlose Person wieder zu sich kommt, ist also Hollywood vorbehalten. Die Leitstelle des 144 oder der REGA können bessere Anweisungen geben.

Was sind die wichtigsten Erste-Hilfe-Massnahmen bei Erfrierung und allgemeiner Unterkühlung?
Den Patienten vor Auskühlung schützen und ganz langsam wieder erwärmen und natürlich die Ambulanz oder den Arzt rufen.

Gibt es Faktoren, die das Risiko für eine Erfrierung oder Unterkühlung erhöhen?
Begünstigend für Erfrierungen oder Unterkühlung sind als externe Faktoren Feuchtigkeit und Wind sowie falsche Kleidung. Körpereigene Faktoren sind junges oder hohes Alter, Unterernährung, Durchblutungsstörungen und bewusstseinsreduzierende Stoffe, hier vor allem Alkohol. Dieser gaukelt einem vor, warm zu haben, aber dies ist leider nur eine Täuschung, deshalb erfrieren jeden Winter betrunkene Personen. Leider auch in der Schweiz, manchmal nur wenige Meter von rettender Wärme entfernt.

Was sind Frostbeulen?
Frostbeulen sind eine lokale Entzündung mit rötlicher oder bläulicher Verfärbung bis hin zur Blasenbildung, wenn Haut Kälte und Feuchtigkeit ausgesetzt wird. Die Läsionen erzeugen Schmerzen, auch Jucken kann auftreten. Diese Beschwerden klingen in der Regel innerhalb von 1 bis 6 Wochen ab und lassen sich durch angepasste Kleidung gut verhindern. Hier ist allerdings wichtig, dass man bei dem ersten Auftreten mit einem Arzt Kontakt aufnimmt.

Stimmt es, dass man bei klirrender Kälte einen Herzinfarkt bekommen kann?
Ja, das ist richtig. Dies zeigt eine Studie aus Schweden von 2017, in der 280 000 Patienten ab 16 Jahren eingeschlossen wurden. Die Gefässe, die das Herz mit Blut versorgen, können sich zusammenziehen in der Kälte. Damit kommt weniger Sauerstoff zum Herzen. Hinzu kommt der Blutdruckanstieg durch das Zusammenziehen anderer Blutgefässe, was die Belastung erhöht. Je nach persönlicher Verfassung kann also das Schneeschippen schon gefährlich sein. Das Herz erstarrt vor Kälte, im wahrsten Sinne des Wortes.

Verwenden Sie diese Informationen nicht als alleinige Grundlage für gesundheitsbezogene Entscheidungen. Fragen Sie bei gesundheitlichen Beschwerden Ihren Arzt oder Apotheker. Surfen im Internet ersetzt den Arztbesuch nicht.

Für Anregungen und Inputs, können Sie uns gerne per Mail kontaktieren: mdtcsch

Inselspital

Dieser Beitrag wurde in Zusammenarbeit mit Prof. Dr. med. Aristomenis Exadaktylos, Chefarzt und Klinikdirektor Universitäres Notfallzentrum Inselspital (Universitätsspital Bern), realisiert.

www.insel.ch

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