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23.10.2020

Runde 2.0 für den Microlino

Es scheint, als würde der Elektrozwerg doch bald auf die Strasse kommen. Von Grössen aus der Automobilwelt soll der Kleine ab 2021 vom Band laufen.
23. Oktober 2020

Ein Besuch bei seinen Erfindern.

Microlino
Unternehmertum ist Teil ihrer DNA. Vater Wim Ouboter machte Kickboards und Scooter zum Welterfolg

Wie er da so klein, silberfarben, sanft gerundet und mit einem Leuchtenband an Front und Heck steht, sieht er aus wie ein Fahrzeug aus einer freundlich wirkenden Zukunft. Äusserlich erinnert der Microlino 2.0 nicht mehr so stark an die BMW Isetta, die bei der Entstehung des Elektrozwergs Patin stand. «Uns war ein frisches Design wichtig, das noch in fünf Jahren bestehen kann und das sich vom ersten Microlino­ Entwurf absetzt», erklärt Marketingchef Merlin Ouboter in Meilen. Ausserdem habe man ein breites Kundensegment, und nicht alle stünden auf Retro. Den letztendlichen Ausschlag für das neue Erscheinungsbild aber gab die Microlino­Community, die über den Designvorschlag abstimmen konnte.
Auch sonst hat sich der Elektro zwerg verändert. «Für eine bessere Fahrstabilität und um eine Einzelradaufhängung zu ermöglichen, wurde die hintere Spurweite um 50 Prozent verbreitert», sagt Oliver Ouboter, Merlins älterer Bruder, der im Start­ up für Finanzen und Einkauf zuständig ist. Bestand der erste Microlino aus einem Stahlrohrrahmen und einer Aussenhaut aus Fiberglas, besitzt die neue Ausgabe nun ein steiferes Chassis aus Stahlblechen und Aluminium. «Der um 15 Prozent effizientere Motor ist spritziger als der vorherige, und die Batterien, die nun von Bosch kommen, haben eine höhere Energiedichte», führt der 26­Jährige weiter aus. Neu bewegt sich auch die Lenksäule mit der «Kühlschranktür» nicht mehr nach vorn. Und das Rohr hinter dem Display im Innenraum, an dem die Fahrer Handys und Lautsprecherboxen befestigen können, soll an die Lenkstangen der Scooter und Kickboards erinnern, mit denen alles begann. Sie machte der Vater der beiden, Wim Ouboter, unter der Marke Micro zu einem weltweiten Erfolg. Im Unternehmen seiner Söhne wirkt er strategisch mit.

Turin statt Delbrück

Microlino
Die Türe zum Einsteigen bleibt, die Lenksäule aber schwingt neu nicht mehr nach vorn mit

 Nun startet der Microlino also in die zweite Runde. Beim ersten «Touring»­ Besuch Anfang 2019 sah es so aus, als würden die ersten Exemplare des knuffigen Elektroleichtmobils bald ausgeliefert werden.
12 500 Vorbestellungen lagen vor. Seit dem ersten öffentlichen Auftritt auf dem Genfer Automobilsalon 2016 hatte der Winzling die Herzen erobert. Die Fangemeinde wuchs und wuchs. Eigentlich hätte er ab Frühjahr 2019 beim deutschen E­Sportwagenhersteller Artega in Delbrück von Band laufen sollen, doch es kam zu Unstimmigkeiten, die schliesslich in einen heftigen Rechtsstreit mündeten als Artega einen Microlino­ Klon namens Karo präsentierte. Ende 2019 wurde die unschöne Sache aussergerichtlich beigelegt.
Darauf angesprochen, wirken die Brüder für einen Moment bedrückt. Die Lage sei verzwickt gewesen, und man habe das letzte Jahr hauptsächlich mit Rechtsstreitigkeiten verbracht. Aber es läge in ihrer Natur, nach vorn zu schauen. Dabei kam wie des Öfteren der Zufall ins Spiel. «Bei einer Google­Recherche wurde uns unter ‹das könnte Sie auch interessieren› Cecomp angezeigt, unser neuer Partner», sagt Oliver Ouboter. Das Turiner Unternehmen ist auf Prototypenbau und Klein­ serien spezialisiert. Hier wird das Renault­Alpine­ Chassis gebaut, andere Auftraggeber sind Aston Martin und Maserati. Auch Elek troautos werden entwickelt. Bekannt wurde der Bluecar für ein Pariser Carsharing­ Projekt. «Da sie die weltweit grösste Designfirma im Bereich Automobilbau mitgegründet haben, sind wir auch da nah dran an neuesten Entwicklungen», so Merlin Ouboter. Ab 2021 sollen in Turin bis zu  2000 Microlinos vom Band laufen, 2022 bis zu 6000 Stück.

Schwergewichte im Team

Nicht nur das Niveau des Produktionspartners ist ein anderes, auch in Sachen Professionalität haben die Ouboters, die den ersten Microlino sozusagen aus einer Laune heraus erfanden, zugelegt. Seit Ende 2019 ist Peter Müller Entwicklungschef. Er bekleidete zuvor wichtige
Positionen beim chinesischen Autobauer Chery, bei BMW und bei Porsche. Dort war er unter anderem für die Entstehung des Boxster mitverantwortlich. Im Sommer heuerte der frühere Tesla­ Europachef Jochen Rudat als Berater an.
Ist es mit solchen Schwergewichten an Bord nun vorbei mit der unternehmerischen Freiheit für die Brüder? Sie verneinen sofort. Man habe jetzt eine gute Mischung Unvoreingenommenheit und Erfahrung. Es sei nötig, jemanden zu haben, der auf die Einhaltung der Deadlines dränge, aber Müller beispiels­ weise sei ein guter Teamplayer. «Wir vertrauen ihm, aber wenn nötig setzen wir uns auch gegen ihn durch, denn wir haben immer die Kundenperspektive vor Augen», sagt Merlin Ouboter. Diese komme in grossen Autofirmen manchmal etwas zu kurz.

Der Apple unter den E-Kleinfahrzeugen

Microlino
Barbieroller für Grosse Die dreirädrige, bis zu 80 km/h schnelle Microletta soll das nächste Projekt der Brüder werden Unternehmertum

1994 und 1995 geboren, wollen sie die Autos ihrer Generation der Millennials entsprechend verkaufen: Über die Microlino­Website können Interessierte den Microlino konfigurieren. Verkaufsgespräche soll es keine geben. Dafür setzen sie umso mehr auf Probefahrten, die an
speziellen Standorten stattfinden und übers Handy gebucht werden. Der Basispreis von 12 000 Euro ist fix, Rabatte sind nicht vorgesehen.
Sie sind überzeugt, dass ihr Miniauto gerade im urbanen Bereich eine Lücke füllen wird. «Für die meisten ist es erst mal ein Spassauto, aber manche werden erkennen, dass der Microlino für den Alltag ausreicht», sagt Oliver. Er bietet Platz für zwei Personen sowie Schutz bei schlechtem Wetter, man kann mit ihm Einkäufe transportieren, und er benötigt mit 2,43 Metern Länge nur ein Drittel eines herkömmlichen Parkplatzes. Die zwei könnten sich sogar vorstellen, dass der Microlino zu einer Art Apple im E­Kleinfahrzeug­Segment wird.
Im loftartigen Brandhouse der Ouboters in einer früheren Getränkefabrik in Meilen zieht auch ein zweifarbiger Elektroscooter mit drei
Rädern die Aufmerksamkeit auf sich, der aussieht wie ein Barbieroller in gross. Die Idee zur Microletta kam den sympathischen Brüdern während der Tiefphase 2019. Entworfen hat sie ein 22­jähriger Turiner Designstudent, der heute für Microlino arbeitet. «Sie ist ein Mittelding zwischen Kickscooter und Microlino und bietet mit zwei Rädern vorn mehr Sicherheit», sagt Merlin Ouboter. Die bis zu 80 km/h flotte kleine Schwester des Microlino wird ihr nächster Streich werden. Aber erst, nachdem der Microlino erfolgreich angelaufen ist.

Text: Juliane Lutz
Fotos: Emanuel Freudiger

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