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Tempo 60? Vielleicht gar nicht so falsch.

Unterwegs mit Markus Somm

Markus Somm über einen unorthodoxen Vorschlag.

Vor kurzem ging eine Schreckensmeldung durch die Medien: Simonetta Sommaruga, die strenge Verkehrsministerin, lässt Tempo 60 auf Autobahnen prüfen, für den Fall, dass viel Verkehr herrscht. Das soll, so sagen es die Experten, dafür sorgen, dass ein Stau gar nicht erst entsteht. Wie immer, wenn ein solcher wenig populärer Vorschlag bekannt wird, erhoben sich – je nach Standpunkt – Wehklagen oder Triumphgesänge. 60 km/h – das ist noch halb so schnell wie 120, und wenn man weiss, dass wir Tempo 130 eigentlich nur aufgegeben hatten, weil das Waldsterben damit gemindert werden sollte, das gar nie stattfand, wie sich hinterher herausstellte, – wer daran denkt und dabei gerne mit dem Auto zügig vorankommt, den kann nur eine gewisse Schwermut ergreifen. 

Was aber, wenn Sommaruga recht hätte? Tatsächlich zeigen wissenschaftliche Untersuchungen, dass eine Reduktion des Tempos etwas bringt, wenn man dem Stau vorbeugen will, wobei nicht das Tempo an sich entscheidend ist, sondern die Tatsache, dass ein tieferes Tempo dazu führt, dass die meisten Automobilisten sich etwa gleich schnell fortbewegen. Der Grund ist leicht verständlich: Wenn sehr viele Autos auf einer Autobahn unterwegs sind, verringern sich in der Regel die Abstände der Autos voneinander, was immer bedeutet, dass es auch eher zu einem Stau kommt. Eine Bremsung genügt, um den Hintermann ebenfalls zum Bremsen zu zwingen, was oft zu einer Kaskade der Bremsungen führt, bis am Ende alles stillsteht. Sobald aber alle etwa gleich schnell fahren, geschieht das seltener: Niemand muss plötzlich abbremsen, niemand meint, er müsse auf einmal die Spur wechseln, um einen anderen, langsameren Fahrer zu überholen. So gesehen stimmt es wohl, was das Bundesamt für Strassen sagt: Dass die Erfahrungen, die man mit zeitweisen Geschwindigkeitsbeschränkungen auf 80 km/h gemacht habe, vielversprechend sei.  

Die Frage ist bloss: Muss es gerade Tempo 60 sein? Genügen nicht 80 oder 70 km/h, ja vielleicht wären auch 90 möglich? Ziemlich sicher wäre das denkbar, solange alle das gleiche Tempo einhalten, sich also besser koordinieren. Wenn aber 90 km/h vorgeschrieben ist, dann ist es gut möglich, dass der eine oder andere eben 70 km/h fährt, was die Wahrscheinlichkeit einer Stockung abermals erhöht – unterschiedliche Tempi sind Gift für den flüssigen Verkehr. 

Mit anderen Worten: Sommaruga hasst den Autofahrer nicht, wie wir manchmal vermuten. Sie versteht ihn vielleicht besser als er sich selbst. 

Markus Somm
Markus Somm ist Verleger und Chefredaktor des «Nebelspalter».
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