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08.05.2020

Vertikale Verheissung

Elektrische Flugtaxis, die vertikal starten und landen und dabei Personen oder Güter transportieren, gelten als das nächste grosse Ding in der städtischen Mobilität.
08. Mai 2020

Technik, Geld und Projekte scheinen vorhanden, nun stellt sich die Frage, wer sich am Ende durchsetzen wird.

Sie sind das grosse Versprechen der Zukunftsmobilität: Flugtaxis. Rund um den Erdball wird gerade an solchen VTOL (Abkürzung für Vertical Takeoff and Landing, also vertikales Starten und Landen) für den Personentransport geforscht. Und die Zukunftsversprechungen sind so gross, dass selbst Mitte März, als die Corona-Pandemie weltweit richtig Fahrt aufnahm, riesige Summen in Projekte gesteckt wurden, die noch weit von einer Kommerzialisierung entfernt sind. Das Münchener Start-up Lilium etwa will ab 2025 einen ersten städtischen Dienst anbieten. In einer internen Finanzierungsrunde kamen im März weitere 240 Millionen Dollar dazu. Zu den Investoren gehören Risikokapitalgeber, aber auch die liechtensteinische Bank LGT oder Ex-Fomel-1-Weltmeister Nico Rosberg.

Mobilité verticale
36 E-Motoren sollen den Lilium-Jet auf bis zu 300 km/h beschleunigen
 

Von Stadt zu Stadt

Auch wenn die Fluggeräte noch weit davon entfernt sind, tatsächlich dereinst über unseren Köpfen zu schweben, kursieren längst vollmundige Versprechen und auch tolle Bilder und Videos von Prototypen und Testflügen. Bei Lilium klingt das so: «Wir träumten von einer Welt, in der jeder fliegen kann, wohin er will und wann er will. Ob von Stadt zu Stadt oder von den Vororten ins Stadtzentrum, wir wollen eine schnelle Reisemöglichkeit anbieten, die erschwinglich, umweltfreundlich und auf Abruf verfügbar ist.» Konkret will Lilium Flugzeugflotten anbieten und einen On-Demand-Flugtaxidienst zwischen Zentren aufbauen. Das Fluggerät Lilium-Jet wird von 36 E-Motoren angetrieben, die Höchstgeschwindigkeit soll bei 300 km/h liegen und die Reichweite bei 300 Kilometern; der Jet soll Platz für fünf Personen bieten. Allerdings will das Start-up sein Geld nicht mit dem Verkauf von Fluggeräten machen, sondern mit der Dienstleistung als Flugtaxi.

Mobilité verticale
Kritik
Experten äussern Zweifel an der von Lilium angegebenen Reichweite

Längst gilt Lilium in Deutschland als Vorzeigeprojekt, wel- ches auch auf höchster politischer Ebene Interesse generiert und die Menschen träumen lässt. Doch es mehren sich auch kritische Stimmen. Die Versprechungen des Start-ups würden zumindest derzeit an der Physik scheitern. Im Fachmagazin «Aerokurier» rechnete ein namentlich nicht genannter Experte vor, dass mit der heutigen  Energiedichte von Lithium-Ionen-Akkus die angegebene Reichweite nicht erreicht werden könne. Im Magazin «Spiegel» bestätigen zwei Luftfahrtexperten die Kalkulationen des ungenannten Kritikers. Ein Sprecher von Lilium sagte zum Nachrichtenmagazin: «Wir behaupten nicht, dass wir heute mit unserem derzeitigen Prototypen 300 Kilometer weit fliegen können.» Allerdings sei man zuversichtlich, dieses Ziel bis 2025 zu erreichen.

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Volocopter
Noch mit Pilot an Bord beim Testflug in Singapur
 

Helikopter oder Drohne?

Während das Projekt von Lilium auf Distanz und Geschwindigkeit setzt, verfolgt das ebenfalls deutsche Unternehmen Volocopter ein etwas anderes Ziel. Die Mischung aus Drohne und Helikopter ist eher für den kurzen Einsatz in Metropolen vorgesehen. Seit 2011 finden Flüge mit Prototypen statt – zuletzt ein 1,5-Kilometer-Flug in Singapur. An Bord sass aus Sicherheitsgründen ein Pilot, aber in Zukunft sollen die Flugtaxis autonom fliegen. Angetrieben wird der Volocopter 2X elekt- risch und mithilfe von 18 Rotoren. Im Moment bietet der Volocopter Platz für einen Passagier, künftig sollen aber bis zu sechs Personen damit fliegen können. Auch hinter diesem Projekt stehen potente Geldgeber, etwa die chinesische Automobilgruppe Geely Holding oder Daimler. Wann indes Volocopter die ersten Taxidienste in den Megastädten anbieten wird, ist noch nicht klar. «Wir stehen in den Startlöchern, die ersten festen Flugstrecken in Städten umzusetzen», sagte Florian Reuter, CEO von Volocopter, schon im Jahr 2018. Derweil heisst es in Singapur: «Wir werden die technischen Möglichkeiten untersuchen, entsprechende Betriebsrichtlinien gemeinsam erarbeiten und die Flugerprobung in Singapur  ermöglichen», so Ho Yuen Sang, Direktor der Zivilluftfahrtbehörde in Singapur.

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City-Airbus
Das multinationale Projekt von Airbus Helicopters und Siemens
 

Weltweite Erprobung

Die Konkurrenten von Lilium und Volocopter sind zahlreich, und zum Teil stecken dahinter nicht minder potente Geldgeber. Airbus Helicopters etwa plant in Zusammenarbeit mit Siemens die Indienststellung des City-Airbus, eines autonom fliegenden Flugtaxis, für 2025. Auch der amerikanische Helikopterbauer Bell arbeitet an einem senkrecht startenden Lufttaxi. Im letzten Jahr wurde bekannt, dass der Autobauer Porsche gemeinsam mit Boeing ebenfalls in diesen Zukunftsmarkt einsteigen will. Noch in diesem Jahr sollen erste Probeflüge stattfinden. Derweil kooperiert der Fahrdienstvermittler Uber gleich mit den drei Flugzeugbauern Embraer, Karem Aircraft und Pipistrel, um erste Flugtaxi-Testflüge noch in diesem Jahr durchzuführen. Und im Februar wurde die  chinesische «EHang 216» zur  Bekämpfung von Corona eingesetzt. Als Probeflug wurde ein Notfallpaket über die Entfernung von vier Kilometern zu einem Krankenhaus in der Stadt Hezhou gebracht – Hin- und Rückflug erfolgten unbemannt und mit autonomer Steuerung. 

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Bell Nexus
Das senkrecht startende Lufttaxi des amerikanischen Helikopterbauers

Die Liste an Projekten liesse sich beliebig fortsetzen. Denn es scheint klar, dass sich mit dieser neuen Mobilitätsform viel Geld verdienen lässt. Einer Studie von Porsche Consulting aus dem Jahr 2018 zufolge wird sich das Wachstum des Marktes ab 2025 beschleunigen. Bis 2035 schätzt Porsche Consulting den Markt für städtische Lufttransporte auf 32 Milliarden US-Dollar. Das Investmentbanking-Unternehmen Morgan Stanley rechnet gar damit, dass der Markt bis 2040 auf 1,5 Billionen Dollar pro Jahr anwachsen könnte.

Text : Dino Nodari
Fotos : ©Nikolay Kazakov, Ald
Header : ©Robin Runck

Mobilité verticale
Porsche und Boeing wollen gemeinsam in den Zukunftsmarkt einsteigen
 
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