01.10.2018

Mit dem Töff von Fass zu Fass


01. Oktober 2018

Eine Tour auf zwei Rädern durch die Ostschweiz, den Schwarzwald und das Elsass ist im Herbst besonders schön. Und als besondere Attraktion wartet diese Route mit Riesenfässern auf, zum drin schlafen, essen oder darüber staunen.

Als mich der Schrei eines Güggels frühmorgens aus der Traumwelt holt, stecke ich in einem Weinfass! Ein Blick hinaus: Vor dem Fass parkiert meine Honda Africa Twin. Alles ist in Ordnung. Im idyllisch gelegenen Weingut Bündte in Maienfeld kann man in 8000-Liter-Weinfässern übernachten,die heimelig mit rot-weiss karierten Vorhängen und Bettdecken ausgestattet sind. Mit einem reichhaltigen Bauernfrühstück
vom Hof stärken wir uns für die anstehende Fahrt. Obwohl es keine Dusche, kein Wlan und keinen Fernseher gibt, sind die Schlaf-Fässer ständig ausgebucht. Gutsbetreiber Urs-Leonard Hermann wundert das nicht: «Das Einfache, Vernünftige kommt überall gut an in der Welt», sagt er, «die Leute haben heute alles, nur keine Zeit. Wir geben ihnen Zeit.» – Und Zeit, die nehme auch ich mir, um vom kleinen Weinfass in Maienfeld zum grössten Fass der Welt zu fahren, das je mit Wein gefüllt war. Natürlich nicht auf direktem Weg, sondern über ein paar Höger der Ostschweiz, durch den Schwarzwald, die Vogesen, und entlang der elsässischen und der deutschen Weinstrasse nach Heidelberg.

Töff- oder Veloteller?

Nach einem Abstecher nach Liechtenstein folgen mehrere kurvige Passfahrten durch einige der schönsten Landschaften der Ostschweiz; zunächst über den Ruppenpass nach Trogen. Via Gais und das malerische Urnäsch auf die Schwägalp am Fuss des Säntis. Kaum habe ich dort
das Motorrad parkiert, will ein Wanderer wissen: «Und, bist du zufrieden mit deinem Töff?» – «Ja, und bist du zufrieden mit deinen Wanderschuhen? » Auf seinen Vorschlag, mal zu tauschen, gehe ich aber ausnahmsweise heute nicht ein. Über Neu St. Johann im Toggenburg, die Wasserfluh und den Rickenpass erreiche ich die Hulftegg. Das Ausflugsrestaurant ist bei Bikern sehr beliebt, was sich auch in der Speisekarte niederschlägt. «Töffteller» (Schweins-Cordon- bleu) oder Verrat begehen und «Veloteller» (Kalbsschnitzel) bestellen? Schnell ist man mit anderen Motorradfahren im Gespräch und fachsimpelt über Töffs, Töffs und das Wetter. 

Heute geht’s noch über Schaffhausen in den Schwarzwald. Etappenziel ist der Landgasthof Schattenmühle in der Wutachschlucht, der ebenfalls als bekannter Biker-Treff gilt und günstige Zimmer anbietet. Es wimmelt auch von Wanderern. Beim Frühstück am nächsten Morgen plaudern sie am Nebentisch über lädierte Kniescheiben, Blasen an den Füssen und spektakuläre Wege zwischen Felsformationen und Wasserschnellen. Für Motorradfahrer bietet der Schwarzwald einige imposante Strecken, was der nächste Tag beweist: Am Schluchsee vorbei geht es über mehrere Passstrassen. Das Dach der Tour ist der Belchen auf 1360 Meter über Meer. Warum der Schauinsland, der Hausberg von Freiburg im Breisgau, so heisst, muss man nicht fragen, wenn man bei einem Kaffee auf der Terrasse sitzt und den Blick über die Weite des Rheintals schweifen lässt.

Zum Grand Ballon

Das rund 80 Kilometer entfernte Städtchen Sennheim in Frankreich ist der Einstieg zur Route des Crêtes in den Vogesen, ursprünglich eine Militärstrasse, die von den Franzosen im Ersten Weltkrieg gebaut wurde und heute eine magische Anziehungskraft auf Motorradund Velofahrer ausübt. Zunächst windet sich die Strasse hinauf zum Hartmannswillerkopf, um sich dann immer etwa auf 1000 Höhenmeter entlang der Krete mit dramatischen Ausblicken über mehrere Übergänge zu schlängeln: Grosser Belchen, Schluchtpass, Diedolshauser Pass. Bei der Zvieri-Pause auf dem «Grand Ballon», dem Grossen Belchen, belustigt ein Biker das Publikum, indem er nur auf dem Hinterrad  vorbeifährt. Wir sind im Kindergarten. Ich nehme die Abzweigung direkt ins mittelalterliche Städtchen Ribeauvillé, wo an diesem Junitag auf mehreren Stadttürmen junge Störchein ihren Nestern zu sehen sind. Im Weingut Domaine Jean Sipp kann man auf Voranmeldung gemütliche Gästezimmer reservieren. Nun sind wir schon mitten in der elsässischen Weinstrasse, die sich durch pittoreske Städtchen und beeindruckende Landschaften nordwärts bis nach Marlenheim erstreckt.

Party im Mega-Fass

Von Marlenheim fahren wir rund 80 Kilometer zum Deutschen Weintor unmittelbar nach der französischen Grenze. In Schweigen-Rechtenbach beginnt die rund 85 Kilometer lange deutsche Weinstrasse. Aufgrund des milden Klimas flankieren zum Teil sogar Mandelbäume die Strasse. In Bad Dürkheim steht das womöglich grösste Fass der Welt. Wein lagerte nie darin. Es wurde 1934 als Restaurant mit einem Rauminhalt von 1,7 Millionen Liter erstellt. Von Bockenheim sind es noch 60 Kilometer bis Heidelberg, wo die Schlossherren ein seltsames Hobby betrieben und zwischen 1591 und 1751 vier grosse Weinfässer bauten. Das letzte ist als Touristenattraktion zu besichtigen. Es hat ein Fassungsvermögen von 221 726 Liter, wurde aber nur dreimal gefüllt, weil es undicht ist. Eine Treppe führt auf eine Plattform auf dem Fass, die früher als Tanzboden genutzt wurde. Von hier geht es wieder zurück in die Schweiz. Der direkte Weg ist rund 300 Kilometer lang und mit etwas Sitzleder unter vier Stunden zu schaffen.

Text und Fotos: Tom Felber

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GUT ZU WISSEN
Schlaf-Fass Maienfeld,
Weingut zur Bündte,
Bündte 1, 7304 Maienfeld/GR
schlaf-fass.ch

Landgasthof Schatten mühle,
Schattenmühle 1,
D-79843 Löffingen
schattenmuehle.de

Domaine Jean Sipp,
60 rue de la Fraternité,
F-68150 Ribeauvillé
jean-sipp.com

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