21.02.2019

Nur Strasse, das war einmal

Die Zeiten, in denen Velowege und Strassen bloss graue Asphaltflächen waren, scheinen vorbei.

21. Februar 2019

Oren Ezer und Hanan Rumbak verfolgen grosse Ziele. Die zwei Israelis wollen mit ihrem Start-up «ElectRoad» die Elektromobilität revolutionieren und den öffentlichen Verkehr möglichst komplett schadstofffrei machen. Vereinfacht ausgedrückt, sieht ihre Idee so aus: Kupferleitungen im Asphalt, die mit einer speziellen «ElectRoad»-Technologie mit dem öffentlichen Stromnetz verbunden sind, sollen Busse während der Fahrt induktiv aufladen. An der Unterseite eines jeden Fahrzeugs sitzt ein Empfänger für kontaktlose Versorgung mit Strom, welcher den Elektromotor antreibt.

ÖV wird billiger

Auch soll dieses neue System viel Geld sparen: Dank der Stromversorgung über die Strassen sind keine grossen, schweren Batterien mehr nötig. Und je weniger Gewicht das Fahrzeug auf die Waage bringt, umso weniger Energie benötigt es. «Diese Methode macht den öffentlichen Verkehr wesentlich günstiger als alles andere: seien es Busse, die mit Diesel fahren oder solche, die mit teuren Batterien ausgerüstet sind», sagt Ezer.

Mittlerweile konnten sie das grosse israelische Busunternehmen DAN als Partner gewinnen und das Energieministerium ist höchst interessiert. Ein erstes Pilotprojekt wird in Israel stattfinden. Auch mit den Behörden auf der schwedischen Insel Gotland sind Ezer und Rumbak über eine zwei Kilometer lange Teststrecke im Gespräch. Dort wird der Entscheid bereits im März gefällt.

Erweisen sich die ersten Versuche als erfolgreich, wollen die zwei Ingenieure auf einer viel befahrenen, 18 Kilometer langen Strasse zwischen der Hafenstadt Eilat und dem neuen Flughafen Ramon Busse mit ihrem System fahren lassen. «Intelligente Strassentechnologie ist der nächste Schritt in der Entwicklung des weltweiten öffentlichen Verkehrs», ist Ezer überzeugt.

Veloweg bringt Elektrizität

Den Beweis, dass Solarvelowege funktionieren, trat «SolaRoad», ein Konsortium einer niederländischen Forschungseinrichtung, der Provinz Nordholland und des Strassenbauunternehmens Strukton bereits 2014 an. Es testete in Krommenie nahe Amsterdam den weltweit ersten Radweg mit Photovoltaik-Panels. Auf 70 Metern wurden von Glas umgebene Solarzellen in den Strassenbelag eingelassen.

Die Idee dahinter: im dicht besiedelten Land Energie zu produzieren, ohne die Umwelt zu belasten oder sie zu verschandeln. «Unsere Erfahrungen sind nur positiv: der Radweg wurde sehr gut angenommen, er ist genauso sicher wie andere Wege auch und er erzeugte mehr Energie als prognostiziert,» lautet das Fazit von Sten Dewit, kaufmännischer Leiter bei «SolaRoad». Dabei waren die Anforderungen an das Unternehmen hoch: Die oberste Belagschicht sollte so viel Sonnenlicht wie möglich durchlassen, schmutzabweisend und absolut rutschsicher sein. Die Sicherheit der Radler stand im Vordergrund. Weiter sollte der Veloweg ohne besonderen Aufwand unterhalten werden können.

Schon nach einem Jahr zeigte sich, dass die in der Strasse eingelassenen Solarpanels statt der erwarteten Leistung von 50 bis 70 kWh/m² gleich 70 kWh/m² erzeugt hatten. Und das im nicht besonders sonnenreichen Land. 2016 wurde die Teststrecke um 20 Meter verlängert und mit einer neuen Generation von Solarzellen ausgestattet, was zu einer Leistung von 90 kWh/m² führte. 2018 erprobte «SolaRoad» weitere, kürzere Solar-Radwege, zwei davon erneut in den Niederlanden. «Die im Projekt von Groningen erzeugte Energie speist eine Salzwasserbatterie für ein E-Bike-Ladegerät, während der vom Veloweg in der Provinz Südholland generierte Strom für Strassenbeleuchtung genutzt wird», nennt Dewit die Verwendungszwecke.

Doch noch sind die Kosten hoch. Das Anfangsprojekt in Krommenie schlug mit drei Millionen Euro zu Buche, allerdings waren darin sämtliche Ausgaben enthalten, von den ersten Forschungsarbeiten bis zur Schlussanalyse. «Wir optimieren ständig das Design. Sobald wir im grossen Stil industriell fertigen können, werden die Kosten sinken», sagt Dewit.

Strom für Ampeln und mehr

Auch in Frankreich wird intensiv am Einsatz von Solarpanels in Strassen geforscht. Wattway nennt sich die Kooperation des Unternehmen Colas, Tochter des französischen Bauriesen Bouygues, und des staatlichen Atomenergiesekretariats CEA. Entwickelt werden Solarpanels für Fahrstrassen des motorisierten Verkehrs. Testbeginn war Ende 2016 im Dorf Tourouvre in der Normandie. Mittlerweile hat sich herausgestellt, dass Fahrzeuge wesentlich mehr Schatten und Schmutz erzeugen als Velos, was sich auf die Energieleistung der Sonnenkollektoren auswirkt.

Derzeit laufen 35 Projekte weltweit. «Klima und Ausmass des Verkehrs beeinflussen die Leistung der Sonnenkollektoren massiv», sagt Wattway-Chef Etienne Gaudin. «In Boulogne-Billancourt bei Paris erzielen wir beispielsweise 40 kWh/m² und auf La Réunion 130 kWh/m².» Für stark frequentierte Strassen eigne sich das System nicht, da Fahrzeuge und Passanten zu viel Schatten erzeugten. Bewährt habe es sich aber, um Ampeln, Ladestationen, Überwachungskameras oder Inforadare zu speisen, die sich ausserhalb der öffentlichen Stromnetze von Gemeinden befinden. Und als zusätzliche Energiequelle, wenn der zur Verfügung stehende Platz für Sonnenkollektoren bereits ausgereizt ist. Dabei haben die Wattway-Ingenieure vor allem dicht besiedelte Städte und Agglomerationen im Sinn, wo freie Flächen teure Mangelware sind.

Ein Wermutstropfen sind auch hier noch die hohen Kosten. So belaufen sich drei bis sechs mit Solarpanels ausgestattete Quadratmeter auf 15'000 bis 20'000 Euro. «Allerdings liefern wir nicht nur die Kollektoren für die Strassen, sondern auch die für die Nutzung nötige Ausrüstung bis hin zum Stecker, um Ladestationen anschliessen zu können», sagt Gaudin.

Text: Juliane Lutz
Bild: zvg, SolaRoad

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