25.06.2018

Saarland: Kleines Land mit grosser Wirkung


25. Juni 2018

Das Saarland an der Grenze zu Frankreich und Luxemburg wird in Deutschland gerne belächelt. Dafür gibt es keinen Grund. Auf nur 2570 km2 bietet es immense Vielfalt: vom Naturwunder Saarschleife bis zum Industriedenkmal Völklinger Hütte.

In ihrer ganzen Schönheit liegt die Saarschleife unter uns. Wir stehen auf der Aussichtsplattform Cloef und können uns an diesem Naturwunder in Blau- und Grüntönen nicht satt sehen. Als Saarschleife wird der Teil des Flusses bezeichnet, der vom Merziger Stadtteil Besseringen in einem 180-Grad-Bogen um einen bewaldeten Bergrücken herum nach Mettlach fliesst. Wir wollen es nicht beim Bestaunen belassen, sondern um die Saarschleife herumwandern. In den letzten 15 Jahren hat sich das kleinste deutsche Flächenland Deutschlands zu einer beliebten Wanderdestination entwickelt. Grund sind seine mittlerweile 65 Premiumwanderwege. „Sie sind abwechslungsreich, führen nie über Asphalt und man findet sich auf ihnen auch ohne Karte gut zurecht“, nennt Peter Klein, Geschäftsführer Saarschleifenland, ein paar Vorzüge. 

Er geht uns auf der 16 Kilometer langen Saarschleifentafeltour mit schnellem Schritt voran. Tafeltouren sind unter den Premiumwegen eine Besonderheit, da sie mindestens an einem Gastronomiebetrieb vorbeiführen. Essen und Trinken wird im Saarland grossgeschrieben. „Haupdsach gudd gess“ heisst es hier. Doch erst müssen wir uns anstrengen. Immer wieder sehen wir auf dem Weg die Saar durch Bäume schimmern, blicken in Richtung Frankreich und erspähen ab und zu den Turm der Burgruine Montclair auf dem Bergrücken, den die Saar umfliesst. Es geht bergab nach Mettlach, dem Hauptsitz des Keramikherstellers Villeroy & Boch und wieder bergauf zur Ruine Montclair, wo wir uns stärken. Nach dem erneuten Abstieg zum Fluss läutet Peter Klein mit einer grossen Glocke die winzige Personenfähre „Welle“ herbei, die uns wieder ans andere Ufer bringt. Nach so vielen Kilometern geniessen wir am Abend das opulente Menü im Hotel zur Saarschleife mit dem allerbesten Gewissen.

Im Stahlmuseum

Szenenwechsel: Wir stehen in der riesigen, 1900 erbauten Gebläsehalle der Völklinger Hütte, in der gigantische Luftpumpen Wind in die Hochöfen bliesen. 1873 gegründet, wurde hier bis 1986 Eisen hergestellt. Die weltweite Stahlkrise und übermächtige Konkurrenz führten zur ihrer Stilllegung. Von einst 30 Werken im Saarland, wird heute nur noch in Dillingen Roheisen produziert. 1994 ernannte die UNESCO die Völklinger Hütte als erste industrielle Anlage überhaupt zum Weltkulturerbe. 

Wir laufen an alten Spinden vorbei und an der Hängebahn, die Rohstoffe zur Gichtbühne brachte. Um 1965 schufteten hier 17 000 Leute. Alte Filmaufnahmen zeigen, wie Feuer aus unzähligen Schloten loderte. Es scheint, als wäre der Himmel in Flammen gestanden. Von der Gichtbühne aus wirkt die Hütte mit ihren Rohren und Schornsteinen wie ein gigantisches Kunstwerk und somit als idealer Ort für die Ausstellungen und Konzerte, die übers Jahr stattfinden. An vielen Stellen erobert sich die Natur ihr Terrain zurück, was die Schönheit der Anlage noch erhöht. Aber ganz tot ist die Hütte noch nicht. Es führen einige Versorgungsrohre zur Saarstahl AG gleich nebenan, das im Saarland noch immer 4500 Leute beschäftigt.

Hauptstadt mit Grillfleisch-Automaten

Von Vöklingen sind es mit dem Zug neun Minuten in die Landeshauptstadt Saarbrücken. Die zeigt uns Manuel Hüther mit seinem Velotaxi. Wir fahren am beliebten Bürgerpark vorbei, bewundern den imposanten Nachbau eines barocken Hafenkrans, die längste Graffitiwand Südwestdeutschlands und in der Franz-Josef-Röder-Strasse Schloss und Landtag. Im Erholungsgebiet Staden am rechten Saarufer schwimmen seltsame runde Dinger auf der Saar. „Das sind Grill Donuts, die man mieten kann“, sagt Hüther. Er zeigt uns noch einen verwunschenen Ort im Staden, den nur wenige kennen: eine ehemalige Bunkeranlage. Auf deren Mauer setzen sich Insider gern an schönen Sommerabenden mit einer Flasche Wein und geniessen den Blick ins Grün. In Sankt Arnual mit seinem Vogelschutzgebiet wähnt man sich mitten auf dem Land, doch nicht weit davon liegt das Lyoner Viertel mit den Schlachthäusern. An einem Automaten können die grillverrückten Saarländer 24 Stunden am Tag Fleisch und Würste kaufen. Grillieren heisst hier Schwenken und das wird an jedem Wochenende zelebriert.

Saarbrücken präsentiert sich als sehr grüne Stadt, bietet aber auch Kontraste. Ruhig liegt der elegante Ludwigsplatz mit der gleichnamigen Kirche in der Sonne. Sie gilt als Meisterwerk des Barockarchitekten Friedrich Joachim Stengel, dessen Bauten die Stadt prägen. Dagegen geht es im alternativen Nauwieser Viertel lebendig zu. Hier heissen die Beizen Café Schrill oder Kneipe zur Hoffnungslosigkeit. Manuel Hüther lässt uns am St. Johanner Markt aussteigen, der als Wohnzimmer der Saarbrücker gilt. Hier kommen alle mal vorbei, man muss nur lange genug in einem der Cafés sitzen.

Bei der Bliesgauer Konfi-Queen

Von Saarbrücken ist es nur ein Sprung in den lieblichen Bliesgau. Das Biosphärenreservat erinnert mit seinen sanften Hügeln an Landschaften in Grossbritannien. Konfifans sollten in der Marmeladenmanufaktur von Christine Breyer in Kleinblittersdorf-Bliesransbach vorbeischauen. Erst war das Einkochen von Früchten ein Hobby, mittlerweile verkauft die zierliche Frau ihre göttlichen Konfituren und Pesti unter dem Namen Mali’s Délices auch bei Rewe. Und im Barockstädtchen Blieskastel haben Gourmets nur noch Sterne in den Augen, denn Starkoch Cliff Hämmerle führt hier in einem Haus zwei Restaurants. Bereits ab 36 Euro gibt es mittags in seinem Landgenuss einen herrlichen Dreigänger. Ja, im Saarland lässt sich’s gut leben. 

Mehr aus der Touring-Redaktion

Das könnte Sie auch interessieren

Angebote des TCS

Newsletter
Social Media
Neue Produkte & Jubiläen
 
Bitte haben Sie einen Moment Geduld
Wir optimieren gerade unsere Website, und es kann zu längeren Ladezeiten kommen.