09.07.2018

Wer Velofahren kann, kann noch lange nicht E-Bike fahren


09. Juli 2018

Besonders Personen im mittleren oder höheren Alter scheinen die Unfallgefahren von Elektrovelos zu unterschätzen. Ein E-Bike-Kurs beim TCS kann diese Risiken massgeblich mindern – wie ein Besuch in Füllinsdorf zeigt.

Die Euphorie ist gross, einen Moment lang sogar zu gross. In einer Quartierstrasse fährt die achtköpfige Karawane, immer noch fasziniert vom elektrischen Antrieb ihrer Velos, unbehelligt an mehreren Rechtsvortrittsstrassen vorbei. Keiner bemerkt den Regelverstoss. «Allesamt durchgefallen», sagt Kursleiter David Jossi mit einem Grinsen, als sich die Gruppe wieder versammelt.

Der Fahrlehrer und E-Bike-Experte kennt die Situation und weiss, dass dieses Verhalten normal ist, wenn man zum ersten Mal mit einem Elektrovelo fährt. Trotzdem sei diese Übung ein wichtiger Bestandteil des Kurses. «Es geht nicht nur darum, das Bike zu beherrschen, sondern auch die Regeln zu kennen und zu befolgen», sagt Jossi. Es ist die letzte Übung dieses Abends und während der Rückfahrt ins TCS-Zentrum Füllinsdorf werden die Rechtsvortritte übertrieben gut beachtet.

224 schwer verletzte E-Bike-Fahrer

Mit fast 90 000 verkauften Elektrovelos im letzten Jahr geht der Siegeszug der E-Bikes rasant weiter. Jedes vierte Velo, das in der Schweiz verkauft wird, hat einen elektrischen Antrieb. Ebenso eindrücklich wie die Verkaufszahlen sind jedoch auch die Unfallstatistiken: Sieben getötete und 224 schwer verletzte E-Bike-Fahrer 2017 zeigen, dass der Umgang mit den neuen Velos noch unterschätzt wird. «Ein E-Bike fährt sich nicht wie ein normales Velo. Die Geschwindigkeiten, die Einschätzung der Distanzen sowie das Fahrverhalten müssen neu kennengelernt werden», sagt David Jossi. Die mit Abstand grösste Risikogruppe sind Personen im mittleren oder höheren Alter: Vier von fünf Unfällen mit schwer verletzten oder toten E-Bike-Fahrern betreffen Menschen ab 45 Jahren. Interessanterweise entspricht das Alter der Teilnehmer des E-Bike-Kurses exakt der Risikogruppe.

Kurs als Kaufentscheidung

Knapp vier Stunden dauert der Kurs der TCS-Sektion beider Basel in Füllinsdorf. Kurz nach 17 Uhr begrüsst David Jossi die acht Teilnehmenden. Zwei Paare und vier Herren stellen sich vor und erläutern ihre Motivation, warum sie heute hier sind. «Wir überlegen uns, ein E-Bike zu kaufen. Bevor wir diese Investition von mehreren tausend Franken tätigen, wollen wir sehen, ob das etwas für uns ist», sagt ein Mann um die sechzig. Seine Frau und die anderen Teilnehmer nicken bestätigend.

Bevor es aber aufs Velo geht, werden die gesetzlichen Grundlagen sowie spezifische Manöver wie Kreiselfahren oder Linksabbiegen im einstündigen Theorieblock erläutert. Alle hören aufmerksam zu und tauschen sich angeregt aus. Von Langeweile keine Spur. Dennoch ist die Erleichterung spürbar, als der Kursleiter den theoretischen Teil für beendet erklärt und die Gruppe nach draussen bittet. Auf dem Trainingsgelände wartet Benjamin Müller mit den E-Bikes. Müller ist Geschäftsführer des Bikeshops «Cycling Emotion», welcher die Velos für die Kurse zur Verfügung stellt. Der Experte begleitet den ganzen praktischen Teil des Kurses, erklärt die technischen Funktionsweisen und gibt Tipps zur Wartung.

«Die 70 Franken Kursgebühren sind
eine gute Investition in die Sicherheit
und zudem macht es auch noch richtig Spass»

Josef Enz (76)

Rasante Fortschritte

Dann endlich: die ersten Versuche auf dem E-Bike. Der Parcours aus Slalom, Langsamfahren, Abbiegen und Anhalten überfordert die E-Bike-Novizen zunächst. Pylonen werden überfahren, Handzeichen verkommen zum wackligen Balanceakt, der Schulterblick ein Ding der Unmöglichkeit. Doch bereits beim zweiten Versuch ist der Fortschritt bemerkbar. Nach weiteren drei, vier Runden kurven die Teilnehmer über das Testgelände, als würden sie sonst nichts anderes machen. Eine bemerkenswerte Wandlung, die sich später beim Fahren auf der Strasse bestätigt. «Der Kurs ist wirklich hilfreich und ich kann jedem empfehlen, ihn zu machen», sagt Josef Enz, mit 76 Jahren der älteste Teilnehmer. Er fühle sich nun sicherer und werde sich ein E-Bike kaufen. Natürlich werde er noch weiter üben müssen, aber die Grundlagen dazu kenne er dank des TCS-Kurses jetzt. «Die 70 Franken Kursgebühren sind eine gute Investition in die Sicherheit und zudem macht es auch noch richtig Spass. Was will man mehr?», so Josef Enz.

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