22.05.2019

Fliegende Hilfe für die Bergrettung

Die Drohnen haben in kürzester Zeit einen Ehrenplatz im Arsenal unserer Alpen-Rettungsorganisationen erlangt.

22. Mai 2019

Zwei Experten schildern im Gespräch mit uns die Verdienste von Drohnen im Einsatz für die Bergrettung und reden über die Hoffnungen, die
ein steter technologischer Fortschritt nährt.

Verstärkung für die Bergrettung

In Davos wurden sie vom Institut für Schnee- und Lawinenforschung (SLF) bereits als Beobachtungsinstrumente integriert, die eine optimale Simulation von Naturgefahren am Computer erlauben. Drohnen bilden hier das erste Element in der Präventionskette. Mittlerweile haben sie ihren Nutzen auch in der Bergrettung unter Beweis gestellt: Suche nach vermissten Personen; Erforschung von gefährlichem oder schwer zugänglichem Gelände; Gesamtübersicht bei ausserordentlichen Ereignissen; Dokumentationshilfe. Fortan verstärken sie auch die Helikopterflotten sowie die menschlichen Ressourcen, die für Alpinisten, Skifahrer und Wanderer in Not bereitstehen.

Zum Beispiel in Sitten, wo zwei Drohnen, die mit einer Wärmebild- oder einer optischen Kamera ausgerüstet werden können, seit 2018 Teil der Flotte von Air Glaciers sind. Pascal Gaspoz, Leiter der Rettungsinstitution «Maison François-Xavier Bagnoud du sauvetage», zählt die Vorteile der Geräte auf: «Die Suche wird einfacher und die Zeit für die Lokalisierung kürzer. In heiklen Gebieten ist der Einsatz einfacher, da die Drohne wendiger als ein Helikopter ist und so Hindernissen wie etwa Hochspannungsleitungen besser ausweichen kann.» Nicht zu vergessen die deutlich tieferen Kosten. «Und schliesslich ermöglichen sie den Rettungsdiensten, über den Luftweg kleine Mengen an Lebensnotwendigem zu befördern, wie Verpflegung oder Funkgeräte.»

Es bleibt noch viel zu tun

Bergrettung Drohnen

Betrachten wir die Situation aus nationaler Sicht. Rolf Gisler, im Besitz der Profi-Lizenz «DUE» des Schweizerischen Verbands Ziviler Drohnen (SVZD), ist Fachverantwortlicher bei der Alpinen Rettung Schweiz (ARS). Die Organisation ist mit der Bergrettung in der Schweiz – mit Ausnahme des Wallis – betraut. Er erzählt, dass er bis heute drei verschiedene Gerätetypen zu Testzwecken angeschafft hat. «Doch bei Bedarf werden fremde oder private Drohnen eingesetzt, weshalb die Anzahl Drohnen, welche die ARS nutzt, nicht genau beziffert werden kann.»

Was die Ausbildung der Piloten betrifft, gibt er zu, dass noch einiges zu tun sei: «Derzeit bilden wir niemanden aus. Doch im Mai findet die Sitzung ‹ARS-Drohnen› statt, bei der wir die Chancen und Prioritäten festlegen werden.»

Fortschritt im Gang

Die Perspektiven der alpinen Hilfe durch Drohnen zeichnen sich, wie die ARS veranschaulicht, in mancher Hinsicht erst langsam ab. Dies bezeugt eine erstaunliche Tatsache in der Umgebung des Flugplatzes Sitten: Die Drohne dient hier derzeit mehrheitlich dazu, Haustiere – vor allem Hunde – zu orten, die sich bei einem Ausflug verirrt haben. Doch das heisst nicht, dass der Mensch nicht auch vom technologischen Fortschritt profitieren wird. So ist Air Glaciers Partner des Start-ups Nivitec in Sitten, das gegenwärtig eine autonome Drohne namens «Snow» entwickelt, die nach Lawinenopfern sucht. Das Gerät besitzt viele Vorteile, darunter eingebaute Kameras, die eine Gesamtsicht des Einsatzgebietes erlauben, sowie ein Lawinenverschütteten-Suchgerät (LVS). «Das sich derzeit noch in der Testphase befindliche Gerät sollte im nächsten Winter verfügbar sein», freut sich Pascal Gaspoz. 

Die LVS-Ausstattung ist das «Plus», auf das auch Rolf Gisler wartet, der sich weitere technologische Fortschritte erhofft: «Die Verlässlichkeit der Geräte bei tiefen Temperaturen, starker Feuchtigkeit oder viel Wind muss verbessert werden. Auch sollte der Flug weniger GPS-abhängig sein und es müsste möglich sein, Grotten, Fels- und Gletscherspalten oder Schluchten zu erkunden.»

Auch zur Rettung von Wildtieren

Die grausigen Bilder von durch Mähmaschinen verstümmelten Rehkitzen erregten lange jedes Jahr zwischen Mitte Mai und Mitte Juni die Gemüter. Bis eine Idee an der Hochschule für Agrar-, Forst und Lebensmittelwissenschaften (HAFL) in Zollikofen (BE) keimte: Warum die Jungtiere nicht mittels Drohnen, die mit Wärmebildkameras ausgestattet sind, im hohen Gras aufspüren? Im Kanton Waadt begeisterte die Idee Jäger, Landwirte und Piloten. Nach einem überzeugenden Test 2017 an der Genfersee-Riviera wurde die Aktion letztes Jahr auf den ganzen Kanton ausgeweitet. Und seit 2019 werden die Bestrebungen aller Akteure durch die Stiftung «Sauvetage Faons Vaud» gebündelt, unter der Ägide des Jägervereins Diana und dem Präsidium von Raymond Bourguignon. Dieser verweist auf die jüngsten, sehr erfreulichen Entwicklungen: «Unser Anfangsproblem war vor allem die teure Ausrüstung. Ein Spendenaufruf letztes Jahr gestattete uns den Erwerb von fünf Drohnen und einer Wärmebildkamera.»

Prométerre, der Berufsverband der Waadtländer Landwirte, ermutigte letztes Jahr 237 Bauern, bei der Stiftung gratis Hilfe anzufordern. Aus Tierliebe, aber auch aus Eigennutz: «Die Mähmaschinen mit Schneidwerk verstümmelten die Rehkitze, die neuen Kreiselmäher zerhacken die Tiere, wobei ihr Fleisch Bakterien erzeugt, welche die Futterqualität beeinträchtigen», erläutert Raymond Bourguignon. Doch welches auch immer die Beweggründe sein mögen – die Zahlen für 2018 sind eindeutig: 446 Wiesen wurden überflogen, 254 Rehkitze gerettet. Und da die Aktion schweizweit unterschiedliche Akteure auf den Plan ruft, schätzt der Präsident von Sauvetage Faons Vaud, dass der Einsatz von Drohnen mit Wärmebildkameras hochgerechnet jährlich mindestes 3000 Jungtiere vor dem Tod bewahren wird.  

TEXT Jérôme Lathion | FOTOS Sandro Techthaler

Rehkitze retten

Die Stiftung Sauvetage Faons Vaud benutzt Drohnen, um Wildtiere zu schützen.

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Sauvetage faons Vaud

FOTO Keystone

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