Niklaus Brantschen, Jesuit und Zen-Meister, ermächtigt Menschen, ihr brachliegendes Potenzial zu nutzen und ihr Leben soweit als möglich in die eigenen Hände zu nehmen.
Der Mensch wird täglich von Informationen überflutet. Die Erreich- und Verfügbarkeit ist grenzenlos. Was raten Sie?
Niklaus Brantschen: Ich lade Menschen ein, sich neben mich aufs Meditationskissen zu setzen und zu atmen.
Atmen tun wir immer. Was meinen Sie mit atmen genau?
Wir holen Luft oder wir schnappen nach Luft. Das geht rasch. Guter Atem braucht Zeit und Ruhe – und er schenkt uns Ruhe. Ich kann nicht auf Vorrat atmen, sondern immer nur jetzt. Und in diesem Jetzt schenkt mir der Atem wache Präsenz.
Zur Informationsflut kommt die Arbeitswut als Stresstreiber…
… so ist es, wenn ich mich vor allem über die Arbeit definiere nach dem Motto: Ich
arbeite, also bin ich, ich arbeite mehr, also bin ich mehr. Arbeit gehört zum Menschen und es ist schlimm, dass nicht alle Arbeit haben. Aber der Mensch ist mehr als Arbeit.
Abgeschaltet und aufgetankt wird neben der Arbeit in der Natur: Wandern, Radfahren und Bergsteigen haben Hochkonjunktur. Wie ist das zu bewerten?
Bewegung ist immer gut. Es sei denn, wir bewegen uns bis zum geht nicht mehr. Das bringts nichts, weniger ist oft mehr. Spaziere ich eine Viertelstunde im Wald, sehe ich mehr, als wenn ich zehn Kilometer in einem Affentempo und ausser Atem durch die Gegend sprinte.
Sie haben vorhin vom ruhigen Atem gesprochen. Was hat Atmen mit Spiritualität zu tun?
Spiritualität ist ein grosses Wort. Wir denken dabei an etwas Hohes, Erhabenes. Und vergessen, dass es mit dem Boden zu tun hat, auf dem wir stehen und wie wir stehen. Fest geerdet, verwurzelt oder halb schwebend. Und wie wir atmen, kurz oberflächlich oder ruhig und tief. Im Wort Spiritualität steckt das lateinische Wort Spiritus, was soviel bedeutet wie Lebensodem, Windhauch, Atem, Geist.
Kann der Besuch von Kraftorten als spiritueller Vorgang bezeichnet werden?
Ja und nein. Nein, wenn ich von Kraftort zu Kraftort rase, um möglichst viel Energie zu erhaschen. Ja, wenn ich mir die Zeit nehme, am einen oder andern Kraftort zu verweilen. Spiritualität ist nicht im Schnellverfahren zu haben.
Heisst Ruhe suchen auch, sich selber suchen, zu sich selber finden?
Und ob! In der Hetze bleibt mein besseres Ich auf der Strecke. In der gelegentlichen Zurückgezogenheit und Ruhe finde ich mich selbst – und die andern. Denn wer bei sich ist, ist ganz anders bei der Sache und den Menschen.
Ruhe ist also eminent wichtig. Aber auch die Bewegung. Wie beweglich sind Sie?
Ich halte mich an das Rezept, laufe. Wenn du nicht laufen kannst, gehe. Und wenn du nicht gehen kannst, krieche. Aber bewege dich. Auch nach einem kurzen Spaziergang ist mein Geist wacher, lebendiger und kreativer.
Zur Person
Niklaus Brantschen, Jesuit und Zen-Meister, ist Begründer und langjähriger Leiter des Lassalle-Hauses und des Lassalle-Instituts in Bad Schönbrunn bei Zug. Sein neustes Buch heisst: Mehr als alles. Denkanstösse aus Zen und Christentum.
Das Werk erscheint demnächst im Kösel-Verlag, München. www.lassalle-institut.org
Text: Interview: Christian Bützberger / Foto: Marcel Kaufmann