Streitpunkt Handgepäck

Die Kontrollen an Flughäfen sind ärgerlich, dienen aber der Sicherheit.

Koffer und Handgepäck werden beim Einchecken auf Flughäfen strengen Kontrollen unterzogen. Das kann nerven, dient aber der Sicherheit. Passagiere können selber viel beitragen, damit sie die Kontrollen effizient passieren.

Uhren und Schlüssel besser im geschlossenen Handgepäck durch die Sicherheitskontrolle mitführen.
Uhren und Schlüssel besser im geschlossenen Handgepäck durch die Sicherheitskontrolle mitführen.

Oft leicht nervös schreiten Passagiere vom Bahnhof oder Parkhaus kommend in den Flughafen Zürich. Mit einem Blick registrieren sie die Warteschlange in der Check-in-Halle. Hoppla, Hochbetrieb. Das wird wohl ein bisschen länger dauern heute, bis jeder seine Siebensachen aufgegeben hat. Die Check-in-Prozesse werden deswegen weder geändert noch gelockert.


Am Flughafen Zürich erledigt die Bodenabfertigung zu gut 70% die Firma Swissport. Dienststellenleiter Urs Zumstein erzählt, dass Swissport international aufgestellt ist und diesen Job an 179 Flughäfen in 36 ­Ländern auf fünf Kontinenten erledigt. Die weltweit 35'000 Angestellten haben 2011 ­einen Umsatz von CHF 1.7 Mrd erzielt. Auf dem Flughafen Zürich wurden im vergangenen Jahr von Swissport 19.9 Mio. Passagiere auf total 99'000 Flügen von 40 Flug­gesellschaften mit 8.1 Mio. Gepäckstücken abgefertigt.


Damit jedes dieser 8.1 Mio. Gepäckstücke schnell verarbeitet werden kann, können Passagiere wesentlich zu einem reibungslosen Ablauf beitragen. Wenn sie etwa nicht erst am Schalter einen Kugelschreiber verlangen und seelenruhig ihre Adresse schreiben und an den Koffer hängen. Sinn macht es auch vor jedem Abflug – so banal sich das auch liest – zu prüfen, ob bei Pass oder Identitätskarte das Gültigkeitsdatum nicht abgelaufen ist. Dasselbe bei Visa für die entsprechenden Länder. Und in die Dominikanische Republik brauchts halt mehr als eine Identitätskarte.

Autopneus und Sägen

Was an den Schaltern an förmigen, unförmigen oder ungewöhnlichen Gepäckstücken aufgegeben werden will, ist erstaunlich. Andrea Ulbrych und Roger Scheuch von Swissport können dazu unzählige Anekdoten erzählen: «Früher kamen schon mal Passagiere mit Autoreifen und Sägen anmarschiert.» Das war noch zur Zeit, als Gastarbeiter mit Zieldestination Pristina von den Bussen auf das Flugzeug umgestiegen sind. «Da waren aber auch Kühlschränke und Fernseher dabei.»


Golfsäcke und Kinderwagen sind da schon Alltag, ergänzt Roger Scheuch schmunzelnd. Was passiert, wenn ein Symphonieorchester mit all seinen Instrumenten einchecken will? «Die sind an den Gruppenschaltern angemeldet, damit wir auch die notwendigen Platzverhältnisse und Infrastrukturen zur Verfügung stellen können», betont Roger Scheuch.

Die «Cuss Automaten»

Heute stehen an den meisten Flughäfen Maschinen, im Fachjargon locker «Cuss Automaten» geheissen, an denen die Passagiere selber einchecken können. Das verursacht auch, und nicht nur bei älteren Reisenden, Kummerfalten. Andrea Ulbrych: «Es ist ja alles genau beschrieben. Und es sind auch immer helfende Hände von Swissport-­Mitarbeitenden zur Stelle, sollten Probleme auftauchen. «Wenn wir den Passagieren zeigen, was man an diesen Maschinen alles machen kann, etwa Sitzplatzänderungen vornehmen oder Gepäcketiketten ausdrucken, dann gehen diese das nächste Mal ­positiver an diese Geräte heran», erzählt Roger Scheuch. Das Einchecken von Haustieren, meist Hunden und Katzen, wird nach Urs Zumstein an separaten Schaltern vorgenommen. Katzen und kleine Hunde können in speziellen Vorrichtungen in die Kabine mitgenommen werden. Anmeldung bei der Reservation. Grosse Hunde wie etwa ein Bernhardiner, fliegen in speziellen, geheizten Abteilungen im Bauch der Maschine mit.


Viele Passagiere, die ein Flugzeug besteigen, enervieren sich wegen Mitreisenden, die mehrere und erst noch zu grosse Handgepäckstücke mit sich in die Flugzeuge schleppen. Urs Zumstein, seit mehr als 40 Jahren am Flughafen im Einsatz, lächelt milde beim Stichwort Handgepäck. Die ­Damen und Herren von Swissport machen Passagiere mit zuviel Handgepäck beim Check-in im Namen der Fluggesellschaften darauf aufmerksam, dass sie diese Teile wie Koffer aufgeben müssen. Das kann dann schon zu wortreichen Dialogen führen.

Auch Transitflughafen

Urs Zumstein weist darauf hin, dass der Flughafen Zürich auch ein beliebter Transitflughafen ist. Und dass halt viele Passagiere gar nicht in Zürich einchecken. Beispiel: ein Passagier kommt in der Economy-Klasse von einem Transatlantikflug in einer grossen Maschine in Zürich an. 3 Stunden später fliegt er in einer kleineren Maschine weiter nach Stuttgart. Genau mit dem zuviel an Handgepäckstücken, die auf dem Transatlantikflug mitgeführt wurden, weil mehr Ablage­fläche vorhanden ist, inklusive dem Rucksack und dem Laptop. In der kleineren ­Maschine gibt es dann Platzprobleme. «Wenn zuviele Transitpassagiere zuviel Handgepäck mitbringen, müssen wir das diesen Kunden abnehmen», betont Zumstein.


Dieses Handgepäck wird etikettiert, im Computer vermerkt und im Laderaum verstaut. Nach Zumstein müssten diese Passagiere für das abgenommene Gepäck noch bezahlen, weil es ja Übergepäck ist. Das ist aus Zeitgründen öfters nicht möglich, weil Passagiere sonst ihren Flieger verpassen. «Da müssen wir hin und wieder beide Augen zudrücken», so der erfahrene Logistiker. An Transitflughäfen bleibt auch immer wieder Gepäck hängen. Der Flughafen Zürich gilt aber als Musterknabe, jedenfalls im Verhältnis zu London Heathrow.


Der Gepäcktransport ist auch eine Geschichte von Schnittstellen. Haben die Bodencrews von Swissport das Gepäck von den grossen Flugzeugen in die kleineren umgeladen, ist ihr Job erledigt. Jetzt sind die FlugbegleiterInnen zuständig, wenn es wegen zuviel Handgepäck Diskussionen gibt. «Eine sensitive Angelegenheit, weil der Sicherheitsaspekt Vorrang hat», weiss Zumstein. Diskussionen ums Handgepäck sind seit Jahren ein Dauerbrenner, «eine schnelle Lösung ist zurzeit nicht absehbar».

Text: Christian Bützberger

Die teure Uhr und das Geld nicht offen zeigen

Wer in ein Flugzeug einsteigen will, muss vorher durch die Sicherheitskontrolle. Augenrollend den Sinn dieser Kontrollen bezüglich zu grosser Mengen mitgeführten Wassers oder zu grosser Tuben Sonnencremen zu hinterfragen, bringt gar nichts. Effizienter passiert der Fluggast die Sicherheitskontrolle, wenn er sich an die Vorschriften hält und das Sackmesser und die Toilettenartikel im Koffer und nicht im Rucksack verstaut. Scheint logisch, trotzdem beschlagnahmen die Sicherheitsbeauftragten täglich 500 bis 800 Kilo nicht erlaubte Materialien, grösstenteils Flüssigkeiten. 


Der «Touring» hat Fritz Marti, Chef Flughafen-Kontrollabteilung der Kantonspolizei Zürich, auf einen heiklen Vorgang bei der ­Sicherheitskontrolle angesprochen, der sich täglich abspielen kann: Passagier XY kommt zur Sicherheitskontrolle, legt seine persönlichen Gegenstände wie Portemonnaie, Handy, Schlüssel und Uhr in einen dort bereitstehenden Transportbehälter. Diesen legt er aufs Förderband und marschiert durch den türgrossen Detektor. Es beginnt zu piepsen, der Passagier XY wird abgetastet. Anschliessend begibt er sich zum Förderband und sucht seine Utensilien. Er stellt fest, dass seine Uhr fehlt. Passagier XY geht davon aus, dass diese von einem Mitpassagier eingepackt wurde und meldet dies den anwesenden Polizisten. Was passiert jetzt? 


«Das wichtigste ist, dass der Passagier den Vorfall sofort meldet», betont Fritz Marti, ein Mann mit langjähriger Erfahrung. In den allermeisten Fällen, komme nämlich der vermeintlich abhanden gekommene Gegenstand wieder zum Vorschein, weil er vom Besitzer in der Eile «verlegt» worden ist. Ist dies nicht der Fall, wird nach Marti die Polizei eingeschaltet. Der Ablaufprozess wird rekonstruiert, wobei auch die Videoüberwachung einbezogen wird. Dass es gar nicht so weit kommt, empfiehlt Marti jedem Passagier, seine Wertsachen wie Uhr und Portemonnaie nicht offen in die Transportbehälter zu legen, sondern diese in der Handtasche oder dem Rucksack zu versorgen. Wer zu zweit reist, kann auch alle Wertgegenstände zusammenlegen und dann geht die erste Person «leer» durch die Sicherheitskontrolle. Die zweite Person kann den gesamten Ablauf beobachten und umgekehrt.


Werner Benz, Chef Mediendienst der Kantonspolizei Zürich, unterstreicht, dass 2011 auf dem Flughafen Zürich 403 Gepäckdiebstähle zur Anzeige gebracht wurden. Das ist bei 24 Millionen Passagieren, die den Flughafen jährlich frequentieren, eine erfreulich tiefe Quote. Trotzdem rät Benz konsequent, «immer ein Auge auf das Handgepäck zu halten».

Text: Christian Bützberger

Der Kommentar

Allein auf dem Flughafen Zürich starten/landen jährlich 24 Millionen Passagiere. Da die Sicherheit absolut zu Recht oberste Priorität geniesst, entstehen bei Hochbetrieb an den neuralgischen Stellen wie Check-in und Sicherheitskontrolle kürzere oder längere Schlangen. Dass das Pendel eher Richtung schärferer Sicherheitskontrollen ausschlägt, ist keine verwegene Prognose. Der testweise Einsatz von Ganzkörperscannern lässt grüssen. 


Häufig enervieren sich Passagiere über die im Namen der Sicherheit erlassenen Vorschriften. Das ist so sinn- wie nutzlos. Zielführender ist da schon das Lesen von Gepäck- und Zollvorschriften. Wer sich zudem von der Ankunft im Flughafen bis zum Einstieg ins Flugzeug auf die verschiedenen Prozesse vorbereitet, diese konzentriert dafür emotionslos absolviert, fliegt entspannter.

Text: Christian Bützberger