Erfahrungsbericht «Occasions-Test beim TCS»

Mit gutem Gefühl im Occasionswagen unterwegs sein.

Das beste Mittel gegen böse Überraschungen beim Kauf eines Occasionswagens ist ein unabhängiger, gründlicher Test des Fahrzeugs in einem der 18 Technischen Zentren des TCS. Eine Reportage aus Fontaines (NE).

In den Technischen Zentren des TCS können Occasionautos neutral begutachtet werden
In den Technischen Zentren des TCS können Occasionautos neutral begutachtet werden

Unter dem blankpolierten Äusseren eines Occasionswagens verbergen sich oftmals Mängel. Ist der Kauf erst einmal besiegelt und der Wagen bar bezahlt, ist es zu spät, um eine Reparatur zu verlangen. Um das Katastrophenszenario zu verhindern, empfiehlt es sich, einen unabhängigen Experten beizuziehen. In den 18 Technischen Zentren unterzieht der TCS das Occasionsfahrzeug einer Gesamtüberprüfung und schätzt dessen Wert gemäss Eurotax-Norm. Wir machen die Probe aufs Exempel und fahren am Steuer eines im Jahr 2000 gekauften Toyota Picnic mit 82'000 Kilometern auf dem Zähler ins Technische Zentrum des TCS nach Fontaines (NE).

Vollbremsung

Dort werden wir von Tierri Galvan, dem Verantwortlichen für die Tests, empfangen. Und schon wird mit der Arbeit begonnen. Mit dem GPS in der Hand setzt er sich hinters Steuer, schliesst das Gerät an und biegt in die Strasse ein. Dabei soll die Abweichung zwischen Tachoanzeige und effektiver Geschwindigkeit festgestellt werden. Bei 80 km/h auf der Anzeige beträgt die effektive Geschwindigkeit 74 km/h, bei 50 km/h sind es 46 km/h: «Wir bewegen uns im normalen Bereich», meint Tierri Galvan.

Zurück im Technischen Zentrum, drückt er auf der Teststrecke entschlossen aufs Gaspedal, um dann eine Vollbremsung einzuleiten – die mit ABS einwandfrei funktioniert. Nach den Abgasmessungen vertieft er sich in die Fahrzeugpapiere und kontrolliert vorab, ob der Fahrzeugausweis und das Abgaswartungsdokument dieselbe Nummer tragen. Galvan forscht weiter und schaut sich die Chassis-Nummer und die Herstellerplakette unter der Kühlerhaube an: Alles stimmt überein. Die Plakette liefert noch eine weitere Information: die maximale Achslast, das heisst die Maximallast, welcher jedes Rad ausgesetzt werden darf. Hat der Automobilist ein Radmodell montiert, das diesen Bedingungen nicht entspricht, waren seine Ausgaben umsonst. Zum Glück schafft unser Toyota diese erste Prüfserie spielend.

Marder fernhalten

Aber es wird noch unangenehm für ihn. Aufgebockt auf dem Prüftstand wird er allerlei Erschütterungen, Vibrationen und Torsionen ausgesetzt. Damit sollen Lenkgeometrie, Funktionstüchtigkeit der Stossdämpfer sowie der Bremsen getestet werden. Tierri Galvan ergreift das Testblatt, und ein Lächeln huscht über sein Gesicht: Alles in Ordnung! Nun gilt die Aufmerksamkeit des Experten dem Motor. Er öffnet die Kühlerhaube und beginnt mit der Inspektion: «Es hat Marder in Ihrer Gegend», bemerkt er und zeigt auf die Bissspuren an den Gummimuffen. «Man kann sie mit Ultraschall oder Elektrodrähten verscheuchen, aber ein besonders raffinierter Trick ist die WC-Ente. Marder hassen diesen Duft.»

Mangelhafte Bremsen

Dann öffnet er das Elektronikgehäuse und schliesst sein Diagnosegerät an. Dieses liefert ein beruhigendes Resultat: Keine Fehlermeldung – nicht schlecht nach elf Jahren im Verkehr. Negativ ist, dass der Garagist einen halben Liter zuviel Öl eingefüllt hat: «Das muss abgelassen werden, sonst kann es zu einem Überdruck führen», ordnet Tierri Galvan an.

Noch überraschter sind wir, als die Zusammensetzung der Bremsflüssigkeit geprüft wird. Mit einem Flüssigkeitsgrad von über 4% ist die Wirksamkeit der Bremsen nicht mehr gewährleistet, vorab auf längeren, stark abschüssigen Strecken: «Die Bremsflüssigkeit wird bei Erwärmung zu Dampf. Man muss sie wechseln und das ganze Bremssystem entlüften», analysiert Tierri Galvan. Bei der Überprüfung des Fahrgastraumes kontrolliert er die Befestigung der Sitze, die Greifbarkeit des Pannendreiecks und den Zustand der Sicherheitsgurten: «Darauf muss man vor allem bei Hundebesitzern achten, denn die Vierbeiner knabbern gerne an den Gurten herum», bemerkt Tierri Galvan. Zum Schluss steigt er noch in die Montagegrube, um das Chassis zu überprüfen. Die Farbe spricht eine deutliche Sprache: Der Rost ist bereits am Werk, und der Tank sollte im Auge behalten werden: «Das beste Mittel gegen Rost ist eine Chassis-Reinigung am Ende des Winters und Rostschutz». Noch ärgerlicher: Bei der Servopumpe läuft Öl aus, und das Reserverad ist platt. «Wenn Sie im Ausland ein Problem haben, bleiben Sie am Strassenrand stehen», kommentiert er.

Am Ende der minutiösen Überprüfung erstellt er eine Liste der auszuführenden Reparaturen: Ölleck abdichten, Bremsflüssigkeit wechseln und neue Pneus montieren. Die Kosten dafür werden vom Verkaufspreis abgezogen. Aber wie viel ist der Wagen denn nun wert? Spannung, als Tierri Galvan aufgrund der Eurotax-Datenbank den Wert für einen Toyota Picnic ermittelt. Die Nachricht ist erfreulich: 8383 Franken. «Für ein elfjähriges Auto ist das sehr gut», meint Galvan. Fazit des Experten: Beim Kauf eines Occasionswages ist eine Gesamtüberprüfung angezeigt: «Weigert sich der Verkäufer, ist etwas faul», meint er.

  • Text: Jacques-Olivier Pidoux / Bilder: Christian Bonzon